© Irene Petzwinkler

Text zur Spielzeit 2016/17

“Wir müssen nicht nur bei gewöhnlicher Laune, sondern bei der allerbesten Laune sein, (…) wenn wir recht verstehen wollen, was in den Eigenschaften liegt, die wir der (…) Gottheit zuschreiben.” Shaftesbury

Das TAG beginnt die Saison 2016/17


Die Nichtgleichgültigkeit in der Begegnung mit Menschen, der kurze Augenblick, sich aus den Gefügen der Alltäglichkeit zu befreien. Die Konturen jenes möglichen Anderen sichtbar oder wenigstens erahnbar zu machen – ist die ehrenvollste Aufgabe des Theaters. Dies ist sein optimistisches Credo.

Es gibt dafür aber leider keine Blaupause. Denn sonst wäre das Gelungene diesseits und jenseits der Rampe öfter zu erleben. Gerade die professionelle Umsetzung von Theater, seine Organisation, seine Planung mit ihren arbeitsteiligen Rationalismen steht dem oben Genannten oft unbeabsichtigt im Wege. Disposition, Deadlines, Bau- und Lagermöglichkeiten von Bühnenbildern, Arbeitszeiten, der Geldmangel, der unsichere Entwurf eines Autors, eine teils unbekannte Konstellation von Menschen, unge- und uner-probte Texte in den Händen von SchauspielerInnen, die sich einerseits mit ihrem Können, aber andererseits auch mit ihren Ängsten und sonstigen Unzulänglichkeiten konfrontiert sehen.

Am Beginn einer Arbeit oder einer Arbeitssaison stehen immer diese beiden Seiten des Betriebs vor dem geistigen Blick. Man hat sein Möglichstes getan. Das Raster des Kalenders weist in die Richtung, die Pflöcke sind eingeschlagen und man löst sich aus dem Starthäuschen. Aber wird sie gelingen? Diese Aufgabe, den uns besuchenden Menschen nachhaltige Resonanz- und Reflexionserlebnisse mittels unserer Arbeit zu ermöglichen. Und in welchem Differenzverhältnis steht die erträumte Anfangs-Phantasie zu den möglichen Endergebnissen?
All diese Phänomene kennt jede/r TheatermacherIn. Diese Nicht-Erzwingbarkeit des Erfolgs. Und die Nicht-Versicherung für sein Gegenteil. Man kann – und das weiß jede/r SpielerIn insgeheim – dem Seltenen und dem Unwahrscheinlichen nicht befehlen.

Was man aber kann, ist: Gute Laune, respektvollen Umgang und hohes handwerkliches Können fördern. Diese sind, vielleicht sogar in dieser Reihenfolge, Voraussetzungen, deren alle anderen Setzungen zu folgen haben. Und so entwerfen und versuchen wir an diesem Ort auch dieses Jahr und immer wieder ein Theater, dessen Ziel es ist, seine Arbeitsergebnisse und deren Wirkungen aus dem Gedanken eines „guten Arbeitsplatzes“ zu entwickeln. Auf dass das Unwahrscheinliche wahrscheinlicher, das Seltene öfter und die Phantasie glaubhafter werde. Wider die Unergriffenheit.

Das TAG ist ein Ensemble-Theater


Dies bedeutet, dass wir die von der öffentlichen Hand uns bereitgestellten Mittel zu einem Großteil in künstlerische Anstellungen umwandeln. Vergleicht man das TAG mit ähnlich dotierten Wiener Mittelbühnen, wird man keine finden, die sich ein über die Saison hin fest engagiertes fünfköpfiges SchauspielerInnen-Ensemble leistet.

Das TAG ist ein KünstlerInnen-Theater


Nicht nur die Konfrontation mit den Diskursen und Formforderungen der TheatermacherInnen, die Beschäftigung mit Improvisation und Dramaturgie, die ständige künstlerische Abwechslung an ein und demselben Ort, sondern auch die Entschleunigung und produktive Streckung von Produktions- und Probenprozessen, im Sinne eines höher qualitativen Ergebnisses, ermöglicht den KünstlerInnen am TAG von Jahr zu Jahr weitere Entwicklung und Ausbildung ihres Könnens.

Das TAG ist ein Repertoire-Theater


Gleichzeitig ermöglichen wir unserem Publikum einen ganzjährigen Repertoire-Betrieb, der von einer sehr klein gehaltenen technischen Mannschaft mit großartigem Einsatz trotzdem garantiert wird. Dieser Umstand zwingt das Denken in den meisten Fällen zu einfachen technische Bühnenlösungen, welche wiederum einem tatsächlichen Formwillen der künstlerischen Leitung entsprechen.

Das TAG ist ein Ur- und Erstaufführungstheater


Das TAG hat aber auch seinen eigenen Zugang zur Herstellung von Theatertext und seiner Aufführung. Dies hat seinen Ursprung in der Überlegung, dass Theater als interpretierendes Medium sowohl seine berechtigte Aufgabe in der Rückschau auf den Kanon als auch und zugleich in der Schaffung neuer Formen und Texte hat. Freie Gruppen, Mittel- und Kleinbühnen beauftragen sich in ihrer Spielplanung zumeist mit Ur- und Erstaufführungen neuer Texte, größere Häuser mit ihren ZuschauerInnen-Abonnements wiederum tendieren eher zum Bewährten oder auch Klassischen. Die meisten dieser Bühnen aber versuchen den Spagat anthologisch zu bewältigen, indem sie das Neue und das Alte nebeneinanderstellen.

Das TAG ist ein Theater der “Klassiker”


Wir am TAG versuchen jedes Jahr aufs Neue die Synthese dieser beiden Aufträge an das Theater, indem wir einen „klassischen Ausgangspunkt“ innerhalb der Dramen-, Literatur- oder Filmgeschichte zum Anlass für Neudichtung festlegen. Dies zeitigt bei den hier am Haus beauftragten und arbeitenden KünstlerInnen die unterschiedlichsten Ergebnisse. Ist es das eine Mal eine behutsame Entlangführung an der klassischen Handlung unter gleichzeitiger Konfrontation mit neuem Dialog oder das andere Mal eine Weiterschreibung oder völlige Neuentwicklung eines alten Stoffes.

Erfreulich und ungewöhnlich heuer ist die zu diesem Zeitpunkt bereitgestellte Fertigkeit der Textgrundlagen, die uns vorliegen, und man muss die engagierten KünstlerInnen loben, da sie mit ihrem Fleiß und ihrem Können uns genauere Vorstellungen der geplanten Arbeiten ermöglichen, ohne sie der Freiheit der noch „offenen Stellen“, die es im Theater immer gibt, zu entheben.

Die Verlängerung der Geschäftsführungsverträge letzte Saison durch den Träger bis in das Jahr 2021, aber vor allem die erfreuliche Entwicklung, die das TAG in den bisherigen drei Saisonen meiner künstlerischen Leitung genommen hat, die vielen guten Besprechungen unserer Produktionen und unseres Ensembles und der stetig steigende Zulauf an Publikum geben Mut und gute Laune, auf dem eingeschlagenen Weg beherzt weiterzugehen, Neues zu versuchen, zu entwickeln, neue Verhältnisse zu vor allem jungen TheatermacherInnen und auch jungem Publikum zu knüpfen, aber auch Gelungenes zu erneuern und auf bewährte Kräfte zurückzugreifen.

Dazu wollen alle MitarbeiterInnen und ich Sie herzlich einladen.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter