Das TAG beginnt die Saison 2017/18

In der Planung, Zusammenstellung und Ankündigung eines neuen Saison-Spielplans schlummert stets der etwas stresshafte Versuch, das Theater neu zu erfinden, es komplett neu zu denken, es riskanter zu versuchen, ohne Erreichtes zu gefährden, ohne auf bereits Bewährtes, mühsam Erarbeitetes zu verzichten und ohne ein gewachsenes Publikum vor den Kopf zu stoßen. Das alles in immer mehr beschleunigten Zeiten, in denen sich die bürgerlichen Formen der dramatischen Kunst ohnehin im Rückzugsmodus befinden, neue postdramatische Konzepte und Erzählungen angesagt, abgesagt, theoretisch begleitet und von einem älter werdenden Publikum widerstrebend oder gar nicht angenommen werden und trotzdem die Diskurshoheit behaupten. Der Versuch also, an diesem Standort eine Mischform aus KünstlerInnentheater und kleinem, arbeitsteiligen Stadttheater mit Ensemble und Repertoire – allerdings ohne AbonnentInnen-System – aufrechtzuerhalten, ist eine die künstlerische und auch organisierende und geschäftsführende Leitung, aber auch alle MitarbeiterInnen stark herausfordernde Übung, die ein Gelingen nur in abgestuften Wahrscheinlichkeiten zulässt.

Der Druck, es dennoch Jahr für Jahr zu versuchen, ist dem erreichten künstlerischen und organisatorischen Standort geschuldet: einer im Vergleich relativ gut dotierten, dennoch unterfinanzierten Mittelbühne mit hohem künstlerischen und sozial- und arbeitspolitischen Anspruch, in einem von anderen Theater-Konzepten dicht gedrängten Umfeld, nämlich der „Theaterstadt“ Wien.

Ein Spagat zwischen Phantasie, Möglichkeitssinn und Realitätsprinzip, der die Institution vor die immer gleichen hohen Anforderungen stellt, welche nicht selten mit den Ansprüchen des organisierten Betriebs konfligieren. Die SchauspielerInnen sind tendenziell immer zu wenig, die Proben tendenziell immer zu kurz, die Texte tendenziell immer noch zu unfertig. Und trotzdem begibt man sich mit einer gehörigen Portion Mut, auch Frechheit, manchmal auch mit leiser Verzweiflung auf den Weg.

Zeit für inhaltliche und formale Auseinandersetzung, Supervision, Diskussion und manchmal auch Kampf um das bestmögliche Ergebnis muss vorhanden sein. Ruhe-, Lern- und Erholungszeiten müssen respektiert und eingehalten werden, genauso wie sich auf der anderen Seite SchauspielerInnen auf immer neue Spielweisen einlassen müssen, auch wenn die Repertoire-Abendvorstellung wieder etwas anderes verlangt.

Aufmerksamkeitserregung für das Theater im Allgemeinen, im besonderen Falle für unser Theater, ist uns selbstverständlich eine Notwendigkeit und auch unser tägliches Brot. Wenn man, so wie wir das bewusst tun, über die Saison hin nur wenige – vier, heuer sogar nur drei – neue Eigenproduktionen herausbringt, steigt natürlich der Relevanz- und Kostendruck auf die einzelne Erzeugung. Um es martialisch auszudrücken: Man hat nur wenige Kugeln in der Kammer und die sollten treffen.

Da wir uns aus oben genannten Gründen nicht mit der allgemein grassierenden „Produktionitis“ anstecken möchten, aber trotzdem einen Ganzjahresspielplan zu verantworten haben, pflegen wir, um der Nachhaltigkeit willen, viele unserer erfolgreichen Produktionen aus den früheren Saisonen und versuchen, stets interessante KoproduktionspartnerInnen auf unser Konzept sich einlassend synergetisch an das Haus zu holen, Publikumsbedürfnissen sowohl für niederschwellige Formate als auch für anspruchsvolles, dichtes, literarisches Sprechtheater einerseits zu entsprechen, andererseits diese zu vernetzen und zu verbinden.

Deshalb gilt so wie jedes Jahr:

Das TAG ist ein Ensemble-Theater

Dies bedeutet, dass wir die von der öffentlichen Hand uns bereitgestellten Mittel zu einem Großteil in künstlerische Anstellungen umwandeln. Vergleicht man das TAG mit ähnlich dotierten Wiener Mittelbühnen, wird man keine finden, die sich ein über die Saison hin fest engagiertes SchauspielerInnen-Ensemble leistet.

Das TAG ist ein KünstlerInnen-Theater

Nicht nur die Konfrontation mit den Diskursen und Formforderungen der TheatermacherInnen, die Beschäftigung mit Improvisation und Dramaturgie, die ständige künstlerische Abwechslung an ein und demselben Ort, sondern auch die Entschleunigung und produktive Streckung von Produktions- und Probenprozessen, im Sinne eines höher qualitativen Ergebnisses, ermöglicht den KünstlerInnen am TAG von Jahr zu Jahr weitere Entwicklung und Ausbildung ihres Könnens.

Das TAG ist ein Repertoire-Theater

Gleichzeitig ermöglichen wir unserem Publikum einen ganzjährigen Repertoire-Betrieb, der von einer sehr klein gehaltenen technischen Mannschaft mit großartigem Einsatz trotzdem garantiert wird. Dieser Umstand zwingt das Denken in den meisten Fällen zu einfachen technischen Bühnenlösungen, welche wiederum einem tatsächlichen Formwillen der künstlerischen Leitung entsprechen.

Das TAG ist ein Ur- und Erstaufführungstheater

Das TAG hat aber auch seinen eigenen Zugang zur Herstellung von Theatertext und seiner Aufführung. Dies hat seinen Ursprung in der Überlegung, dass Theater als interpretierendes Medium sowohl seine berechtigte Aufgabe in der Rückschau auf den Kanon als auch und zugleich in der Schaffung neuer Formen und Texte hat. Freie Gruppen, Mittel- und Kleinbühnen beauftragen sich in ihrer Spielplanung zumeist mit Ur- und Erstaufführungen neuer Texte, größere Häuser mit ihren ZuschauerInnen-Abonnements wiederum tendieren eher zum Bewährten oder auch Klassischen. Die meisten dieser Bühnen aber versuchen den Spagat anthologisch zu bewältigen, indem sie das Neue und das Alte nebeneinanderstellen.

Das TAG ist ein Theater der „Klassiker“

Wir am TAG versuchen jedes Jahr aufs Neue die Synthese dieser beiden Aufträge an das Theater, indem wir einen „klassischen Ausgangspunkt“ innerhalb der Dramen-, Literatur- oder Filmgeschichte zum Anlass für Neudichtung festlegen. Dies zeitigt bei den hier am Haus beauftragten und arbeitenden KünstlerInnen die unterschiedlichsten Ergebnisse. Ist es das eine Mal eine behutsame Entlangführung an der klassischen Handlung unter gleichzeitiger Konfrontation mit neuem Dialog oder das andere Mal eine Weiterschreibung oder völlige Neuentwicklung eines alten Stoffes.

Das TAG ist ein Theater der Improvisation

Oft wird das Improvisationstheater – nicht nur, aber gerne auch von VertreterInnen der Medien – als ein kleiner schmuddeliger Bruder der Bühnenkunst oder als „angelsächsische Kleinkunst“ verkannt. Wir im TAG arbeiten seit Jahren stetig daran, diesen Blick ein wenig zu drehen. Nicht nur mit der Versammlung der allerbesten lokalen MeisterInnen dieser Kunst in unserem Sonntagsformat SPORT VOR ORT, der Einladung internationaler Größen des Genres, sondern auch mit der mittlerweile alljährlichen Veranstaltung des internationalen MOMENT!-Festivals und begeistern damit ein immer größer werdendes Publikum.

Zu all dem wollen die TAG-MitarbeiterInnen und ich Sie herzlich einladen.

Gernot Plass
Künstlerischer Geschäftsführer


P.S.:

Wir leben in schwierigen Zeiten. Sparzeiten. Das TAG ist Teil des hoch subventionierten Theatersystems der Stadt Wien. Deren Verwaltung wurde im letzten Jahr aus Brüssel erinnert und gemahnt, dass sogenanntes „Deficit Spending“ keynesianischer Schnee von gestern ist und heutzutage Schuldenbremsen, Rasenmäher, Hausaufgaben-Machen als makro-ökonomische Ultima Ratio firmiert und man doch bitte so freundlich und vernünftig sein solle, den Rotstift bei all den vielen Ermessensausgaben anzusetzen. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben hier noch immer kein Wissen, geschweige denn eine Zusage über die Höhe der Fördermittel für den kommenden Vierjahreszyklus. So weit, so unerfreulich wie unsicher. Wir reagieren zunächst mit einer Reduktion von Ensemblestellen und Produktionen, welche jedem auffallen wird, der bis vier zählen kann.