Richard 2
Jetzt schaun wir mal, wer gleich noch steht
- Vorstellungsdauer
- ca. 135 Minuten, inkl. einer Pause
Uraufführung
Premiere: Sa. 17. April 2010, 20.00
Derniere: Sa. 16. April 2011, 20.00
Über Richard 2
Im Weihnachts-KURIER ist das TAG mit Richard 2 in den Top-Fünf der besten Aufführungen des Jahres gelistet! ”...der beste Shakespeare des Jahres, von einem furios agierenden Ensemble rund um Gottfried Neuner im Tarantino-Stil erzählt.” Kurier
Die marktliberale Politik ist im Fundus. Der Staat ist zurück. Mit aller Macht und aus dem Nichts geschöpftem Geld zahlt er die Banken aus ihrer Verlegenheit heraus, weist sie in die von ihm gesetzten Schranken und behauptet sein Primat über die Ökonomie. Und sonst? Wohlfahrt? Sicherheitspolitik? Bildung? Gerechtigkeit? Ja! Der Staat ist zurück. Auf allen Ebenen. Und mit ihm… das Königsdrama!
Das TAG präsentiert jetzt eine völlig neue Version des besten aller Königsdramen: „Richard II“ von W. Shakespeare.
„Richard 2 oder Jetzt schaun wir mal, wer gleich noch steht“ von Gernot Plass ist eine Tragikkomödie im Blankvers, ist ein rasanter Thriller, angesiedelt zwischen Shakespeare und Tarantino, voller schwarzem Humor und rotem Blut auf weißen Westen. Mit viel Witz und Tempo stürzen seine sieben Figuren in eine fünffüßig getaktete Sprechoper und zeigen uns ein wunderbar schonungsloses Spiel um Machterhalt und Machtverlust der Mächtigen.
Gernot Plass legt mit seiner Überschreibung von Shakespeares „Richard II“ keine weitere Übersetzung, sondern ein komplett neu gefasstes Stück vor. Dem Original wird dabei mit griffiger, moderner Sprache und rasenden Dialogen zu Leibe gerückt und der Stempel unserer massenmedialen Demokratie aufgedrückt.
Team
- Es spielen
- Text
- Regie
- Ausstattung
- Musik
- Dramaturgie Mitarbeit
- Licht
- Regieassistenz
- Regiehospitanz
- Technische Leitung
Foto-Galerie
Kritiken
“... der beste Shakespeare des Jahres, von einem furios agierenden Ensemble rund um Gottfried Neuner im Tarantino-Stil erzählt.”
“Famos gelungen! Ein bravouröses Ensemble, allen voran die Antagonisten Gottfried Neuner (Richard) und Julian Loidl (Heinrich). Große Heiterkeit wechselt mit beklemmenden Szenen. Atemberaubend. Ziemlich sicher derzeit die beste Shakespeare-Aufführung der Stadt.”
“Eindrucksvoll und pointiert umgesetzt (Tarantinos ‘Reservoir Dogs’ lassen grüßen). (...) Gottfried Neuner spielt grandios den Richard. Georg Schubert gibt überzeugend einen zerissenen Herzog von York. Starke Schauspieler, präzise in Szene gesetzt.”
“Das TAG in Mariahilf macht dem Burgtheater Konkurrenz – und Shakespeare paradoxe Ehre. Könige gehören in eine Burg, Königsdramen aufs Burgtheater. Doch die Harmonie trügt, denn es geht noch ganz anders. Draußen in der Vorstadt herrscht ein frecher Bastard. Dieses Shakespeare-Derivat zeigt mehr Einfühlungsvermögen in die Vorlage als manche zertrümmernde Regiearbeit!”
“Fulminant schräg – Der großartige “Richard 2” im Wiener TAG! Wer eine der faszinierendsten Shakespeare-Aufführungen der letzten Jahre nachholen möchte, hat jetzt noch einmal die Chance dazu. In rasendem Tempo läuft die Handlung ab, das Stück ist witzig und brutal zugleich, es sieht ein bisschen so aus, als hätte Quentin Tarantino einen Nebenjob in der freien Szene angenommen. Gottfried Neuner bietet als hoch begabter, aber kläglich scheiternder König eine fulminante Leistung. Die anderen Darsteller, die akrobatisch die Rollen wechseln, halten das Niveau!”
“Shakespeares “Richard II.” ist am Burgtheater in einer überarbeiteten Peymann-Inszenierung zu sehen. Wer als Alternative zum Burgtheater – oder als Ergänzung – einen rasanten, rotzig-frechen Vorstadt-Richard erleben will, dem sei die Aufführung im TAG empfohlen.”
“Dem Ensemble des TAG ist für diese Leistung nicht genug Respekt zu zollen, allen voran aber dem großartigen Wurf Gernot Plass’ mit diesem sprachlich höchst anspruchsvollen Text!”
Über die Produktion
Gernot Plass über „Richard 2“
Am Anfang, also mittlerweile vor zwei Jahren, stand der Wille, mit der Konstruktion eines Stückes zu spielen und spielend lernend Dramenregeln aufzunehmen. Hohe Kunst! Gibt’s doch die bekannten und geschriebenen und dann noch all die ungezählten nicht geschriebenen Regeln, die es zu beachten oder im Entscheidungsfalle zu verwerfen gilt. Dann …
Die Idee:
Warum sich nicht an einem alten Stoff versuchen und als Gerüst verwenden? Die Struktur belassen, aber Sprache, Zeit und Überbau neu heften. Hält die Konstruktion das aus? Was ist der eigentliche Kern, oder – vorsichtig gesagt – das Wesen eines Dramas? Also seine heute und immer gültigen Teile? Und was wäre, wenn man nur diese belässt und sie mit neuem Inhalt konfrontiert? Kracht es dann? Wissen zu wollen, wie solch ein Uhrwerk tickt, wo es versagt, welch innere Bezüglichkeiten in ihm wirken, wo denn unter seiner Oberfläche der Maschinenraum zutage tritt, das Instrument zerlegen, seine Qualität begreifen und mit den gefundenen Maximen ein neues Instrument zu konstruieren, waren der Beweggrund, diese Dramenwerkstatt zu eröffnen.
Text ist Schule. Studium der Meister bildet. Steht das nicht schon auf den Tempeln unserer „Hochkultur“? Hier hat man diesen Satz gründlich gelesen. Dies war Methodik sowie Anleitung in einem. Aber …
Welches Drama?
Eins vom Aufstieg und vom Fall der Großen. Denn tritt ein König auf, so tut er dies schon längst nicht mehr als Abbild, sondern (muss man das erwähnen?) als Metapher für die vielen an den Spitzen all der Pyramiden sich tummelnden „Könige“. Faszinierend: Das Drama eines Königs. Nächster Schritt …
Der Meister?
Einfach. Shakespeare.Nur den Blick auf all die eleganten Griffe, Drehungen und Einsätze der Königsdramen Shakespeares lenken, um zu sehen: Nichts kommt in der banalen Tagespolitik vor, was nicht in seinen Königsdramen schon vorweggenommen, dargestellt und explizit, also beurteilbar gemacht wird.
Warum also – ist man schon in einer Werkstatt – nicht vom größten Meister des Königsdramas lernen? Und warum nicht gleich anhand seines schönsten? Warum nicht …
Richard II?
Shakespeare variiert in Richard II das Grundmotiv eines jeden Königsdramas Mensch –Institution – Macht auf ganz eigene Weise, indem er das Geschehnis einer Abdankung, eines Rücktritts in den Mittelpunkt rückt. Ein für seinerzeitige Verhältnisse völlig unmöglicher Akt, der aber den außergewöhnlichen Charakter eines Königs offenbart. Ein König, an Intelligenz und Kultiviertheit seiner Umgebung haushoch überlegen, ein Proto-Hamlet meinen viele Interpreten, der nur in dem einen versagt: dem Ausüben von Macht.
Im vorliegenden Fall ist nurmehr die Handlungsstruktur von Shakespeare, also das Gerüst. Darauf jedoch liegt ein vollständig neuer Text. Es ist, wenn man so will, ein neues Stück – oder auch nicht. Von Shakespeare freilich, gleichzeitig nicht mehr. Seine Handlung, nicht seine Dialoge. Seine Mechanik, nicht seine Zeit. Nicht seine Durchführung, jedoch sein Thema:
Die Zeit als unser wertvollster Besitz. Am Scheitelpunkt der Pyramide, an der Spitze, da entgleitet sie wie Sand den Mächtigen. Im Kerker dann – und das ist ihre Ironie – wird sie zur quälend unermesslich langen Gegenwart. Wird Müll und Folterknecht in einem. Das ist Ewigkeit. Das ist die Geschichte Richards und somit seine Tragödie. Shakespeares lyrischste Historie ist weniger ein Stück über die Macht als über Zeit und ihre uns gegebene Verwendung. Ein Mensch braucht Zeit für alles. Zeit für Arbeit, für die Liebe, das Gedeihen seiner Pläne, seiner Anordnungen, Vorstellungen, für das Scheitern, das Gelingen und vor allem – Zeit, um Mensch zu werden. Carpe diem ist die Botschaft, die Shakespeare durch die Zeit und mit den Lippen dieses Königs zu uns flüstert.
Ich stelle ihn mir vor mit dem Gesicht von Robin Williams, wie er in dem Film „Dead Poets Society“ den Pennälern in die Rücken murmelt: „Zuletzt am Ende und nach all den Abschreibungen, unterm Strich, am letzten Posten … was sind wir andres da, als Würmerspeise.“