Saison 2019/20

Es gibt keine nachhaltige Kulturpolitik.

Das TAG ist ein Stadttheater, ein öffentliches Theaterhaus, das einen Jahresspielplan mit einem angestellten Ensemble sowie künstlerischen, technischen und kaufmännischen MitarbeiterInnen umsetzt. Es steht bei seinem Publikum für hervorragendes Ensemble-Sprechtheater abseits der größeren Häuser, für hochqualitative Überschreibungen und Dramatisierungen klassischer Stoffe, für die Pflege von professionellem Improvisationstheater sowie für flankierende Formate wie die Konzertreihe und den TAGebuch Slam.

Die Betriebsmittel werden zum größten Teil aus öffentlichen Förderungen des "Eigentümers" bestritten, der zwar de jure ein privater Träger (der "Wiener Theaterverein") ist, de facto aber von der Stadt gesteuert wird. Dies hat, bei einer gleichzeitigen bürokratischen und haftungsmäßigen Minimal-Verantwortung, den Vorteil, bei Ausschreibung der Leitungsposten entscheiden zu können. Eine geschickte, eine "wienerische" Lösung.

Man könnte also annehmen, dass sich die Stadt bei dieser sehr bequemen Konstruktion – in Absetzung von den vielen rein privaten Theaterunternehmungen – im besonderen Maße um "ihre" Betriebe kümmern würde, diese in eine ruhige, planungssichere Zukunft steuern und deren "innere Abwertung" durch eine jährliche Anpassung an die Teuerungsrate ausgleichen würde. Ebenso deren künstlerisches Gedeihen und Fortkommen kontrollieren würde, indem sie rechtzeitig die Leitungsverantwortung entweder fortschreibt oder aber auch neu ordnet. Dies wäre eine solide, nachhaltige, wenn auch eher unspektakuläre Kulturpolitik.

Beides jedoch passiert leider nicht.

Trotz einer über die Jahre währenden Anstrengung, städtische Kulturpolitik in das Einmaleins der Volkswirtschaft einzuführen, wird eben dieses noch immer nicht beherrscht oder einfach ignoriert, mit dem Hinweis auf übergeordnete Spardiktate aus dem Finanzressort oder aus Brüssel. Man begreife zwar die Not, verstehe auch die großen Zusammenhänge, könne aber bei der allgemeinen Austerität leider nichts tun. Es ist der buchstäblich angewandte Neoliberalismus im sozialdemokratischen Gewand. Nicht bei dem prinzipiellen (man verstehe das nicht falsch) Bekenntnis zu Förderung und sozialer Fairness, sondern bei deren Valorisierung über die Jahre und Jahrzehnte.

Trotzdem und paradoxerweise steigt das Wiener Kulturbudget, betrachtet man die Kunstberichte zurück in der Geschichte, zufällig immer genau parallel zur jährlichen nominellen Teuerungsrate. Wo also ist das "neue" Geld? Nicht bei den mittleren städtischen Bühnen. Dort lässt man die Zeit vergehen und die Inflation, die sich exponentiell aufbaut, ihr schleichendes Zerstörungswerk anrichten. Bis den Betrieben sprichwörtlich die Luft ausgeht, sie ihre MitarbeiterInnen nicht mehr halten können oder sie sich gezwungen sehen, je nach charakterlicher Disposition der jeweiligen Leitung, diese durch unbezahlte Mehrarbeit auszubeuten.

So geht es aber nicht weiter! Irgendwann schrammt auch ein noch so erleichtertes Schiff auf Grund, weil das Wasser immer flacher wird. Die neue Stadträtin hat sich durch ihre glaubwürdig vorgetragenen Ankündigungen eines "Fair Pay" innerhalb der KünstlerInnen-Szene selbst die Latte gelegt. "Mehreinnahmen" aus Valorisierung – heißt: die jährliche Anpassung der Subvention an die Teuerungsrate – gingen zum Großteil in die Gehälter der MitarbeiterInnen. Valorisierung kostet nicht viel, nimmt man sie jährlich vor. Kumuliert jedoch – wird sie teuer.

Wenn man sich dessen also bewusst ist, das systemische Verhängnis begreift, warum handelt man also nicht? Warum nicht? Weil höhere Mächte es so wollen? Aus trotziger Ignoranz? Oder aus einer strategischen Langzeitüberlegung heraus, die zu zahlreichen geförderten Theatersitze der Stadt Wien vielleicht schleichend zu reduzieren, ohne mit dem Schwarzen Peter von Theaterschließungen dazustehen? Kein/e PolitikerIn wird ihnen diese Frage offiziell ehrlich beantworten.

Des Weiteren die Planungssicherheit, sprich ein für die Geschäftsführungen garantierter zweijähriger Horizont, lässt auch zu wünschen übrig. Nebeliges hört man zur Weiterführung oder Ausschreibung der Geschäftsführungsverträge des "Stadttheaters" TAG. Die Geschäftsführungsverträge von Gernot Plass und Ferdinand Urbach laufen nach der Saison 20/21 aus. Man schätze die Arbeit sehr, wolle aber noch die politische Willensbildung abwarten. Wenn man mit dem Auto in eine Nebelbank fährt, was ist die erste Reaktion? Bremse?

Bleibt der Schluss: Es gibt in Wien keine nachhaltige Kulturpolitik. Immer noch nicht. Und nicht im Bereich der Mittelbühnen.

Wir wüschen unserem Publikum trotz der situationsgeschuldeten Bewölkung eine heitere, berührende, aufweckende und schöne Theatersaison im Theater an der Gumpendorfer Straße.

Gernot Plass
Künstlerische Leitung