Kurier | 07.02.2009

Gymnastikbälle besteigen im Theater-Turnsaal

Die schlimmsten Befürchtungen ergreifen Einen, wenn man erfährt, dass für das neueste Stück von John F. Kutil im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) Sportbekleidung mitzubringen ist. „Vollkommenheit in 60 Minuten“ – in einer Gesellschaft der allgemeinen Hysterie klammert man sich gerne an schöne Versprechen und zieht sich dafür sogar hautenge Trikots an. Doch ausnahmsweise lohnt es sich.

Man darf halt keine Scheu haben vor intimen Turnübungen und Stoffbären, die einen zum Mitmachen ermutigen. Bald denkt man nur noch: Auf einem Bein hüpfen, mein Spiegelbild lieben – wurscht, ich mach’s. Das Beängstigende: Es macht Spaß und man verlässt den Ort des anfänglichen Schreckens mit entrücktem Lächeln. Man würde es gerne furchtbar finden, aber dieses Theater-Turnprogramm wirkt Wunder bei geistigem Unwohlsein.

Madame Gloria (Petra Strasser), Herr Viktor (Georg Schubert) und Sir Felix (Julian Loidl) karikieren liebenswürdig das Streben nach Vollkommenheit. Klar wird: Man sollte nicht alles so verdammt ernst nehmen. Auch dieses Stück nicht.

Wiener Zeitung | 07.02.2009

Mix dir deine Zahnpasta selbst

Im Theater an der Gumpendorferstraße (TAG) müssen nun auch die Zuschauer ran: Nach einem medizinischen Check rufen selbsternannte Fitnessgurus zum Appell – und die in Jogginghosen und Schlabbershirts gekleideten Teilnehmer gehorchen. Sieben Schlüssel zur ultimativen Erkenntnis gilt es während der einstündigen Vorstellung zu erkämpfen, darunter die üblichen Verdächtigen: Liebe, Jugend, Gesundheit, Glück.

Die Idee zum spaßig-schrägen Konzept entsprang den bereits theatertrainierten Gehirnwindungen von John. F. Kutil und Margit Mezgolich, deren Musical “Wisching Well” derzeit ebenfalls auf dem Spielplan des TAG steht. Oberguru und Regisseur Kutil ist mit “Vollkommen in 60 Minuten” ein interaktives Sport- und Mentalprogramm gelungen, das mit abgedroschenen Fitness-Floskeln und esoterischen Lebensweisheiten nicht spart – und gerade deshalb herrlich amüsant ist.

Sir Felix alias Julian Loidl versprüht den spröden Charme eines verkorksten Turnlehrers. Ist er etwa die Inkarnation der “Fit mach mit”-Legende und Vorturnerin der Nation, Ilse Buck?
Unermüdlich feuert er die Teilnehmer auch zu mentalen “Höchstleistungen” an, wobei für manche schon das Einmaleins eine unüberwindbare Hürde darstellt. Die tapferen Prüflinge müssen paarweise Übungen absolvieren, mit Sitzbällen wahre Balanceakte vollführen und zugleich mentale Stärke trainieren.
Währenddessen wandelt Madame Gloria (Petra Strasser) im Brautkleid durch den Raum und gibt ihre Weisheiten zum Besten: Verwende kein Deodorant und mix dir die Zahnpasta selbst. Am Ende erhalten die (selbstverständlich erfolgreichen) Prüflinge einen Turnbeutel, in dem Obst und Müsliriegel zu finden sind – und ein Diplom, das ihnen bescheinigt, “vollkommen” zu sein.

Danke, jetzt ist es amtlich.

Der Standard | 10.02.2009

Vollkommen in 60 Minuten
Mit vollem Körpereinsatz störende, negative Energien bekämpfen

“Trainingskleidung und Bewegungswille sind absolute Grundvoraussetzungen für einen Besuch dieser Veranstaltung. Ein Arzt ist anwesend” – Die Warnung im Programmheft des Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) lässt Anstrengung wittern. Im physischen Sinn versteht sich, die Produktion Vollkommen in 60 Minuten bleibt kurzweilig, nur verlangt sie aktive Gäste – immerhin ist das Ziel des Abends nichts weniger als die komplette Selbstfindung im Schnelldurchlauf. Ob nun ewige Jugend, Erfolg oder einfach nur Glück – Vorturner Sir Felix (Julian Loidl), “Sportmentalistin” Madame Gloria (Petra Strasser) und Chef-Yogi Herr Viktor (Georg Schubert) kennen alle Tipps und Tricks. Aus ihrer Erfahrung als ehemalige Eigner eines Fitnessstudios wissen sie: Die Lösung aller Probleme ruht in uns, man muss sie nur wachstrampeln.

Die Persiflage auf Lebensratgeber und Mentaltrainings gerät zuerst erschreckend glaubwürdig. Regisseur John F. Kutil hat für das Stück (Konzept: Kutil, Margit Mezgolich) die Codes der Vollkommenheits-Taliban perfekt adaptiert. Alles ist da und wirkt vertraut: Namensschildchen, Augenkontakt, schmissige Botschaften und das ständige Betonen, dass alles erreichbar wird, wenn man nur hart genug an sich arbeitet – oder dafür zahlt. Für die Überhöhung sorgen die Darsteller mit gelungenen Einwürfen. Loidl sucht trotz Selbstverliebtheit die Anerkennung seiner Jünger. Schubert tobt sich durch mehrere Stadien des fortgeschrittenen Wellness-Wahnsinns am Bühnenrand und Strassers leicht entrückte Madame Gloria schwebt über Beckenböden meditierend zwischen Yogamatten herum. Ein gelungener Seitenhieb auf den “Mainstream der Individualisten” wie es das TAG treffend benennt.