© Lila Ludwig

UNTERM STRICH

Ein Jahrmarkt der Eitelkeit


Von Margit Mezgolich


Trifft man Aussagen, denen man rechnerische Metaphern wie „in Summe“, „zusammengerechnet“, „nach Abzug aller” usw. voranstellt – Aussagen also, die auf Bilanz verweisen –, zieht man gedankliche Striche, die Summen oder Abstraktionen ankünden, welche wiederum Diskurse, Reden, Dialoge und vor allem sogenannte „Lebensrechnungen“ abzuschließen sich bemühen, soll der Wurf nahe dem Ziele einschlagen und dieses auch noch mit gebührender Kraft tun. Ja, Aussagekraft faltet sich gerne unter diesen Strichen auf. Erst „unter Strichen“ heischt man nach der Wahrheit. Und ist man nicht nur einer rhetorischen Taktik verpflichtet, sondern durch Redlichkeit im Grunde motiviert, erglänzt über dem Gesagten tiefere Bedeutung und die Sätze scheinen uns aus einer anderen, höheren Sphäre her zu kommen. Redet man also „unterm Strich“, hat man vielleicht nur Weniges zu sagen, selten Originelles, aber man verspricht zumindest Gewicht zu liefern, Wucht und vor allem: Klarheit.

Denn: Was bleibt? Was wollen wir wirklich? Worum geht´s? Der Sinn des Lebens? Schicksal? Zufall? Zwischenstand: Die Krise unseres mittleren Alters: Oft bemüht, belächelt. Nicht? Jetzt trifft sie die berüchtigte „Generation X“. Die wohlstandsverwahrlosten Fernsehkinder, die desinteressierten Möchtegerns und KonsumfetischistInnen. Und wäre diese Generation nicht sie selbst, begegnete sie der Schwelle hin zum Alter nicht mit der gleichen Oberflächlichkeit, Eitelkeit und Selbstvergessenheit, die sie im Taufschein von Douglas Coupland definierte.

Nietzsches letzte Menschen, die an irgendeinem Resort-Pool auf einer thailändischen Insel cremefett in die Sonne blinzeln. Oh welch´ Überraschung! Auch sie – auch diese ewig Satten – müssen sterben. Auch ihnen gähnt der Abgrund. Das Kommende. Das Nichts. Ja hat man das denn nicht gewusst? Das kam nicht in der „Sendung mit der Maus“, oder? Dagegen kann man auch keine Kontrakte mit Assekuranz-Betrieben schließen. Wenn die Eltern sterben und man ihre Kleiderkästen öffnet, Abgetragenes von seinen Bügeln nimmt, vielleicht noch daran riecht und dann zur Sammlung schleppt, gehen so Manchem innerliche Türen auf, geheime Klappen in der Lebenskiste, Sichtschächte, wenn auch nur kurz. Es weht ein etwas kälterer Wind. Und plötzlich fängt man sich zu fragen an mitunter, ob nicht das Dasein mehr bereithält als das bisher Realisierte.

Wo bin ich einst gestartet? Und was wollte ich einmal? Wo bin ich abgebogen und wie konnte ich mich bloß so abgrundtief verirren?

Die göttliche Komödie, jenes Werk, das einen Dichter durch die sieben Höllenkreise führt, beginnt mit dem berühmten Ausspruch: In der Mitte meines Lebens fand ich mich wieder, dort in einem dunklen Wald.

Das Werk, das hier als Ausgang (auch im Doppelsinn) fungiert, ist William Makepeace Thackerays „Jahrmarkt der Eitelkeit“, ein epochaler Roman, der im Untertitel „ohne echte Helden“ auszukommen verspricht. Ein früher, sogenannter „Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts“, dem noch so viele folgten. Das Panoptikum der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Sei es nun im „Empire“ oder im „Fin de Siècle“, in unserer spätkapitalistischen Postmoderne, aber auch in einer fernen Zukunft. Da, wo Menschen sind, ist Kampf, ist Eitelkeit, Rivalität, regiert der Stumpfsinn und die Dummheit.

Ein Abschlussjahrgang einer Schauspielschule, der nach Jahren sich an einem unheimlichen Ort wieder zu begegnen verabredet. Menschen, die sich selbstvergessen in das eigenwillige Performativ eines ihrer Kollegen verwickeln. Sie dienen in dieser Anordnung als Sinnbild für eine egoistische und selbstverliebte Ausgabe der Spezies Mensch, die längst aufgehört hat, sich die eigentlichen Fragen noch zu stellen, um wenigstens den Sinn von allem hier zu suchen.

Margit Mezgolich ist eine Suchende, eine Sich-Fragen-Stellende, aufmerksame, horchende Theatermacherin: Auf die Unterströmungen, den tiefen Puls, der hinter aller Oberflächlichkeit schlägt. Ihr feines Gehör räsoniert empfindlich mit den aus der Ferne klingenden Tönen, die Thackeray anstimmt. Ist alles nicht im Angesichte unserer Lächerlichkeit, unserer Verletzlichkeit in dieser Welt ein eitler Wahn? Wie nur befreit man sich aus diesen ewigen Spielanordnungen, Gesetzlichkeiten, Sittlichkeiten, Normen? Wie entkommt man der gefängnisgleichen und gewöhnlichen Gewohnheit? Ist da ein böswilliger und zynischer Demiurg? Ein Spiele-Anleiter, Puppenspieler, der uns aus der Mottenkiste eines kosmischen Theaters holt, uns aufruft, dann gelangweilt uns mal länger, kürzer, eiliger den einen, behaglicher den anderen betreibt, nur um uns dann und allesamt erneut in dieser dunklen Kiste zu entsorgen? Wo bleibt des Menschen Würde da?

Freilich. So wie der Mensch sich in gesellschaftlichen Formationen durch die Zeiten wälzt, ist ihm (jaja, und ihr, der MenschIn auch) mit Skepsis zu begegnen. Der Mensch und sein Dasein können furchtbar sein, manchmal bewundernswert, in Werk, Vernichtung, Leistung, Opfer, zumeist ist es banal. Doch gelingt es Einzelnen dennoch sich zu befreien, den rechten Eigensinn zu kultivieren, zu einer Größe sich emporzuschuften, deren lichte Spitzen dann – um wieder Nietzsche zu bemühen – in Verzückung münden. Die Hoffnung lebt noch und vor allem post mortem televisionis. Was bleibt? In Summe und nach Abzug all der Unechtheit im Angesicht des Todes? Unterm Strich? Vielleicht das warme Licht von Verständnis, Solidarität, Einheit in der gleichen absoluten Situation? Liebe? – Vielleicht, vielleicht. Und so hören wir der Mezgolich gerne zu, wenn sie verschmitzt uns leise gesteht: „Ich mag die Menschen!“

Gernot Plass
Künstlerischer Geschäftsführer