© Lila Ludwig

MACBETH

Reine Charaktersache


Von Gernot Plass

Vieles ist über „Macbeth“ gedacht, vermutet, ausgesprochen, endlich auch geschrieben worden. Es wäre Shakespeares blutigstes, entsetzlichstes, auch dunkelstes und abgründigstes Stück. Und ja – gestorben wird darin recht deftig. Dunkelheit und Blut spielen richtiggehend eine Rolle, also treten auf.

Aber versteht man den Macbeth? Ist er nicht ein eigentliches Rätsel? Und was redet er zu uns Modernen?

Da sind die Hexen, Schülerinnen Hekates, der grauen Göttin aus der Unterwelt. Sie raunen Zukunft, spinnen scheinbar gleich den Nornen an dem Faden „Schicksal“ – aber gibt es dieses Schicksal? Sprechgehandelte und schnell gesagte Prophezeiungen – sie treten ein, doch tun sie es mit Notwendigkeit? Und tun sie es auch alle? Phytische Rätselworte sind sie, rhythmisch übergeben. Aber wo übergeben wird, da muss auch übernommen werden.

Da ist Macbeth – der Geher, der durch seine dunkle Heide irrt. Gejagt von seinem Dämon, der ihn antreibt, der sein Feuer facht, ihn in ein ständiges „Voran-voran“ scheucht, richtiggehend ihn erhebt, zur reinen, personifizierten Tat. Aber man verwechsle diesen Schlachtreihen-Fresser nicht mit einem schottischen Conan! Denn Macbeth hat klingende Tiefe, die von hoher Intelligenz erzählt und ihm eher einem gewissen dänischen Prinzen verwandt macht als dem urzeitlichen Barbaren. Ja, Macbeth braucht Kriege und er ist Genie dieser Kriege, „Bräutigam der Göttin Krieg“! Doch wehe, wenn die Kriege enden. Da schenkt ihm sein Dämon andres Licht, verbiegt und deformiert berserkerhafte Energie in visionäre Begabung, die Macbeths Bewusstsein angreift. Macbeth der Angreifer – ist auch ein Angegriffener. Und nicht nur er, auch seine Lady, welche eine der energischsten Nummern in der Dramengeschichte zum Thema „starke Frau“ hinlegt (die zu beschreiben eines weiteren Programmheft bedürfte), hält der Dämon in festem Griff, bis ihr Verstand zerspringt am starken Strom, der in sie einfährt, sämtliche ihrer Sicherungen derart durchknallen lässt, dass Ärzte oder Priester ihr auch nicht helfen könnten. Verlassen noch von allen guten Geistern.

Dieses „Mehr und immer Mehr“, das „Immer weiter“, bis auf das alles zerbricht! Die Lust an der Zerstörung, die gemäß ist auch der Kraft dieser Zerstörung. Kommt uns das nicht irgendwoher in seinem Irrsinn bekannt vor? Uns, die wir das Glück erfunden haben? „Was ist Leidenschaft?“ So fragen wir und blinzeln. Shakespeare reicht hier eine Botschaft durch in unsere Zeit, die lese, wer Übersetzungs- und Übertragungsspiegel zur Verfügung hat. Der Abgrund einer aus sich selbst rollenden Megamaschine.

Aber wohnt nicht im tiefsten Abgrunde noch sardonisches Gelächter? Wir wollen schließlich unterhalten werden! Und wir werden unterhalten und bezahlen Unterhalt – gerne –, dass uns diese Unterhaltung am Ende nicht angreife!

Gernot Plass ist ein Angegriffener und ein Anzugreifender. Angegriffen vom biederen Geiste des Perfektionismus, von Wut-, Panik-, seltener von Schreibanfällen, greift es in ihm um sich. Es überfällt ihn leptisch, episodisch, und da will man nicht dabei sein. Aber man kann ihn angreifen. Denn: greift er, „post-iktal“, einen Autor und sein Werk auf und also an, müsste es eigentlich „Skandal!“ schreien. Wird hier auch nicht mehr von Versuch geredet, sondern längst von Position. Das Wort „Stil“ liegt zu nahe an „Zumutung“. Aber drauf! Angriff! Denn das ewige Feixen, man wäre hier doch bloß in einem „Vorstadttheater“, ist eine typisch hexische Trickserei, ein Griff nach dem Unten und man hüte sich doch und gerade vor der Peripherie, wenn sie um Milde heischt. Denn: der Umgang mit Hexen verdirbt den Charakter vor allem – wenn man keinen hat.

Da könnte man Macbeth dazu befragen, wäre er nicht nur einer dieser phantastischen, shakespeareschen Schatten, die sich in Luft auflösen. Voll des Lärms, mit „sound and fury“ untergegangen. Uns verwirrte und erregt Zurückgelassene, nach dem Warum und Wozu Fragende.

Hat man sich aber – mit Unterbrechungen – über ein Jahr in seiner Landschaft aufgehalten, sie erkundet, ihre Tiefen ausgelotet, um sie sich begreiflicher zu machen, kann man die eigentliche Moral des Stückes nur schwer übersehen: Macbeth ist weniger ein großer Mörder, als ein großer Sterber. Im Tode erfasst er die Grundsituation alles menschlichen Daseins. Er streckt die Finger in den Abgrund, riecht daran und erkennt: es riecht nach – nichts.

Nach dem Tod der Lady stehen bloß noch kleine Bäume um ihn in der Landschaft. Aus der Erde gerissenes Gebüsch an Figuren. Und der pubertäre Faschismus – das ist eigentlich: Malcolm.

Macbeth dagegen ist ein Riese. Versteht man das? Er stirbt als Riese, indem er versucht, alles riesenhaft mit sich zu reißen. Diktatorentod. Dieses Stück hat eine uns zwar abstoßende, nahezu faschistoide Moral, um welche die Guten und Furchtsamen schon einiges Gebüsch an Aberglauben pflanzten. Einen kleinen „Wald von Birnham“, sozusagen, der nach der Zitadelle seines Titel-Riesens wandert, von ihr angezogen wird – heranrückt! Eine Moral, die zu begreifen uns aber fernliegt und an der man sich verbrennen kann – ein heißes Ding –, welche die eigentliche Charaktersache offenbart: Größe.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter