KIRSCHGARTEN. Eine Komödie ohne Bäume

Von Arturas Valudskis, frei nach Anton Tschechow


„Ich verstehe nichts von Kunst. Ich bin ein Arzt.“ Anton Tschechow

Das Leben, so belehren uns bereits die Vor-Sokratiker, ist ein Werden, ein immerwährendes Voran, ein Fluss … es feststellen zu wollen, bekommt nicht. Ein beständiger und gleichsam perfider Wille zur Wandlung waltet mächtig unterhalb all unserer Vorstellungen, wie der Frankfurter Chinese Schopenhauer bemerkte.

„Ich arbeite an einem neuen Stück, in dem es um einen Kirschgarten geht! Hören Sie! Ein Kirschgarten! Und ich habe einen herrlichen Titel dafür! Einfach herrlich!“ Stanislawski sah nach dieser Eröffnung erstaunt den aufgeräumten Tschechow an und fragte geflissentlich: „Welchen denn, Anton Pawlowitsch?“„Der Kirschgarten!“, versetzte dieser und brach in schallendes Gelächter aus. Nicht eben originell, dachte sich der große Theaterleiter: „Kirschgarten?“ „Kirschgarten! Hören Sie dieses wundervolle Wort! Es kommt von –“, Tschechow machte eine Pause, „ – Kirschen!“ Und jetzt musste selbst der ernste Stanislawski lachen.

Tschechow labte sich geradezu am Titel seines Stückes, wiederholte ihn auf Proben immerzu, so als wollte er damit ein früheres, schönes, nun aber unnützes Leben liebkosen, das er selbst in diesem seinem Stück so rigoros mit dem Beil zerstörte. „Die Versuche, Tschechow an das Regiepult zu bekommen“, so erzählte es später Stanislawski, „scheiterten zumeist. Sah man ihn in der hintersten Reihe des Theaters sitzen, hätte man nie gedacht, dass dies der Autor des gegebenen Stückes sei. Hatte man ihn aber doch einmal nach vorne ans Regiepult gebracht, um ihm Bemerkungen und Ratschläge aus der Nase zu ziehen, fing er zu lachen an und seine Antworten glichen Worträtseln. Es war nicht aus ihm herauszubekommen, was ihn so erheiterte!“

„Ich habe doch alles geschrieben.“

Anton Tschechow verstand es wie kein anderer, die Stimmungen von Menschen wiederzugeben, in Szenen oft entgegengesetzten Charakters und mit einem feinsinnigen, unter allem liegenden Humor. Niemand konnte sich über die scheinbar traurigsten und langweiligsten Zusammenhänge so erheitern wie er. Das große Lachen der Welt, das Spiel, die Komödie des Ganzen – dazu hatte er einen verborgenen Zugang.

In dieser Komödie, seinem letzten Stück, das sich mit seiner Subtilität, mit seinem Empfindungsreichtum und seinem zarten Spott vor uns entfaltet, kann man es erlernen, die Welt mit Tschechows Augen zu sehen. Mit dem Feinblick des Narren, aber auch des Arztes, der er war, erkannte Tschechow, dass alles Leben, auch die noch so blühend frühlingshafte Jugend, unumkehrbar dem Tode geweiht war – und er lachte. Das Leben ist ein Narrenfloß. Wir alle reisen in das Unbekannte. Ist das nicht auch komisch?

Arturas Valudskis ist ein Reisender. Sein Morgenland liegt in diesem lachenden Theater-Moskau. Der 18-Jährige setzt sich noch in der Sowjetunion in einen Zug und fährt die über tausendKilometer aus Litauen zu seinem Sehnsuchtsort – ein Pilger in Theaterangelegenheiten –, nur um einer Aufführung von Ljubimow der tschechowschen „Drei Schwestern“ in einem der vielen Moskauer Theater beizuwohnen. Bei minus 30 Grad Celsius und ohne dass er Karten dafür hätte. Er stellt sich vor, dass er irgendwie durch den Kamin kriechen werde, um in das Gebäude zu gelangen. Nur durch einen Zufall erhält er tatsächlich Zutritt zu dem gefragten Ereignis, um dann zunächst im überheizten Raume vor Erschöpfung den ersten Akt zu verschlafen. Seither ist Arturas Valudskis in Sachen Tschechow hellwach. Seine sublimen Interpretationen, Umdeutungen und Neuinszenierungen blasen uns den leichten Geist dieser großen Komödien ins Antlitz. Obschon oder gerade weil er das gewagteste Spiel der Weglassung spielt.

„Streichen Sie!“ Anton Tschechow zu Konstantin Stanislawski

Freilich, dieses Stück spielt außerhalb der Zeit, tief in der russischen Landschaft, und wird bevölkert von seltsam leichten, verspielten und hoffnungslos naiven, untauglichen Menschen. Tschechows erste Absicht war es, erfahren wir aus Briefen, eben über diese Art der Lebensführung sich zu erheitern und sie ins helle Licht der Lächerlichkeit zu rücken. Und dennoch geriet ihm unter der Hand eine konservative Elegie um diese Menschen, die es nicht mehr gibt und nicht mehr geben wird und kann. Tschechows Großvater war im zaristischen Russland selbst noch Leibeigener und so können wir vermuten, dass viel Eigenes, Persönliches in die Figur des redlichen Lopachin einfloss. Einem elitären Haufen von untüchtigen Traumtänzern der alten Generation stellt er tüchtige Macher wie ihn gegenüber, die es nicht erwarten können, das Alte zu beseitigen, es auszureißen, es zu fällen und einem sachlicheren Formenkanon zu opfern.

Tschechow wollte keiner der in Russland sich bereits am Horizont fertigmachenden Weltverbesserer sein. Er war sogar durchgängig skeptisch gegenüber der Möglichkeit, Aufklärung oder – um noch weiterzugehen – soziale Reformen mit dramatischen Mitteln zu erreichen, nein, tief in seinem Inneren war er ein Liebender des Alten, des Gewesenen, des verfließenden Lebens und seiner eigenen Menschen. Denn sonst hätte er diese feingliedrigen Insekten mit ihren Hautflügeln nicht im Bernstein seiner Stücke erhalten.

„Tschechow“, das bemerkte schon Tolstoi, „ist ein Autor, den man immer wieder lesen kann!“ Und Tolstoi war nicht bekannt für Freizügigkeit, was Komplimente betraf. „Die Novellen und Geschichten haben mich zutiefst berührt.“ „Aber ihre Dramen“, so der große Mann zu dem Genannten nach einem Besuch der „Möwe“ im Moskauer Künstlertheater, „ihre Dramen! – Die sind ja noch schlechter als die von Shakespeare!“

Dieses Urteil sollte uns beschäftigen.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter