DER UNTERGANG DES ÖSTERREICHISCHEN IMPERIUMS

Von Ed. Hauswirth und dem Ensemble


Imperien haben Appetit. Ihr Wesen ist, so lesen wir, die voranschreitende Einverleibung. Umformung. Die Durchflutung ihres Herrschaftsgebiets mit dem Verdauungssaft ihrer eigenen Erzählung. Hindert man Imperien an diesem Tun, dann hauchen sie ihr Leben aus und sinken als kollektiver Zusammenhang in das Unbewusste und leben dort als zu beklagende, klagende Schattenwesen in einem Hades der Ideen fort.

Imperien vergeistigen und werden Spuk in dem Moment, da eine Mehrheit ihrer BewohnerInnen nicht mehr an sie glaubt, die imperialen Narrative nicht mehr akzeptiert. Verlieren Imperien ihre identitäts- und zugehörigkeitsstiftende Autorität, lösen sie sich manchmal in fast atemberaubender Geschwindigkeit auf.

Wie geht das vor sich?

Allen imperialen Bauwerken eignet eine Doppelnatur. Der immunisierende Schutz nach außen zum einen: die Mauer, der Limes, die Membran und Außenhaut (dahinter liegt Feindesland, welches Barbaren-Horden nährt). Zum anderen aber auch eine innere ökonomie der Erzählung: die Konsolidierung entlang der “für wahr” befundenen Prinzipien, Grundsätze und Regeln, die Ausrichtung auf Tradition und die generationenübergreifende Weitergabe nach innen. Also der stetige Kampf gegen die korrodierenden Kräfte. Sinken Imperien, so ist der obligatorische Einfall der Horden immer bloß eine Folge, nicht Ursache eines inneren Korruptionsprozesses, dessen Wesen das Abhandenkommen der inneren Bekenntnisse zu eigener Wirksamkeit und Bedeutung ist.

Reden wir also über den linkskatholischen Kompromiss der so erfolgreichen hundert Jahre alten “Republik österreich” in ihrer zweiten Erzählung.

Was stimmt nicht (oder nicht mehr?) mit diesem “österreichischen Imperium”? Ist es bedroht vom größeren Fisch der globalen Kultur? Nun – dieser Zermürbungszusammenhang ist nicht von der Hand zu weisen und in einem gewissen Maße real. Jedoch beklagen denselben auch Auguren in anderen Ländern. Ist österreich nur eine von vielen Kajüten der Titanic? Dem “unsinkbaren” Flaggschiff eines untergehenden liberalen Westens? Sind wir bedroht von einer barbarischen, globalen, großkapitalistischen Krake, die ausgreift, unsere Rechtstaatlichkeit mit den Tentakeln ihrer Freihandelsabkommen zu verschlingen? Oder sind wir angefochten und -gegriffen von populistischen Schreihälsen, welche schon den Zement anrühren, während ihre alarmisierenden Sprüche und verzweifelten Blicke die bröckelnde Außenmauer entlangklingen und -streifen? Oder aber ist die postmoderne Kultur mit all ihren dekonstruktiven Verfahren und Methoden selbst die eigentliche Mutter der gefürchteten “illiberalen Postdemokratie”?

Was haben wir übersehen? Was falsch gemacht? Konnten wir etwas übersehen? Oder falsch machen?

Ed. Hauswirth beansprucht für sich als Künstler eine gute Nase. Einen “Ruach”, wie der Steirer offenherzig bekennt. Sein feiner olfaktorischer Sinn wittert den problematischen Verwesungsodem, aus einer Ecke kommend, die man gerne übersieht. Bei den MeinungsmacherInnen, SchreiberInnen, GeschichtenerzählerInnen, den “KonstruiererInnen”, kurz: bei den linksliberalen Intellektuellen.

Die Kindeskinder der kritischen Theorie. Adornos UrurenkelInnen. Die auf der richtigen Seite stehenden MoralistInnen, die Priester eines geistig imperialen, also herrschaftsbeanspruchenden Konsenses, bewaffnet mit den neuen, magischen Werkzeugen, die ihnen das Digitale zur Verfügung reicht. Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie richtig reflektieren.

Der Typus eines neuen “Drüberstehers”, des frei über den Theorien schwebenden Autors, des Bloggers, des Kanalbetreibers, der sich selbst aus der von privaten Großkonzernen zur Verfügung gestellten Mutterwolke hervorbringt und auf allen ideologischen Seiten dazu beiträgt, das althergebracht Ständische, Stehende, das auf Papier Gedruckte zu verflüssigen. Der oder die aber gleichzeitig den alten industriellen und angestellten Verhältnissen nachweint. Und die eigenen Texte auf Binnen-I*s abklopft. Diese Erbärmlichkeit ist der auf der Hauswirth’schen Bühne auftretende Charakter.

Dieser – und diese – Herausgehobene, Hervorragende, sich selbst vermarktende, von uns oft bewunderte Einzelkämpfer und -kämpferin sehnt sich in halbbewusster Unterströmung nach krankenversicherter Unbedarftheit, nach lässiger Privatheit, natürlicher Umgebung, Medienfreiheit, ja selbst in weiterer Folge nach Rausch, Losgelöstheit von der ewigen Vernünftelei und nach tribalischem Ritus.

Man trifft sich traditionell zu acht auf neutralem Boden in der Echtwelt: in einer mondänen Villa an den Hängen des Semmering. Der Nachkriegskompromiss der Lagerstraße liegt fühlbar hinter einem, der sozialpartnerschaftliche Geist des “Leben-und-leben-lassens” wurde zu Grabe getragen. Die wirtschaftswunderliche,aus der Nazihölle aufsteigende unschuldige “Austria intakta”: erledigt wie ein Zwölfender. Aber auch ihre jüngere, von Qualtinger, Bernhard, Jelinek, Heller und anderen wachgezwickte, selbstkritische Schwester liegt darnieder. Dies zarte und korrekte Reh! Die Wolfsrudel haben es zu Tode gehetzt. Dies wird am Semmering bemerkt und auch beklagt, vorrangig aber sind die ökonomischen Partikularinteressen. Das Vorwärts- und Weiterkommen in der dünnen Luft der öffentlichen Wahrnehmung. Erbärmlich, widerwärtig zwar, doch Quelle abgrundkomischen Theaters.

Humor, herausgeschlagen aus der Not der Eitlen, Scheinbar-Großen, Elitären hat, so Hauswirth, immer seinen heilenden Effekt. Darauf zielt der scharf schießende Jäger und Untergangsprophet Hauswirth ab. Auf eine verzweifelt komische Dystopie.

Wir lachen auch. Was aber wäre zu tun? Im Wirklichen? Wie das früh Gerochene an seiner weiteren Verwesung hindern. Ist Rückkehr möglich? Und was sagen wir den Jungen? Muss man am Ende das Genre wechseln oder das Medium? Eine Partei gründen? Einen weiteren Medienkanal eröffnen? Seriöse und politisch einwandfreie und korrekte, von privaten Getränke- Mogulen finanzierte Hochglanz-Magazine mit Content füllen? (Das wären endlich wieder fünfzehn Monatsgehälter!)

All dies – und da zitiert Hauswirth John Cage – seien Fragen, deren Schönheit er nicht vorhabe, mit einer gegebenen Antwort zu verderben.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter