Philosophisches Selbstverhör in rasantem Tempo

Aus der Theatermuseumsvitrine heraus in die Gegenwart! Das ist nicht neu. Schon 1926 gab Fritz Kortner “Hamlet im Frack” – getreu nach Shakespeares Text in der kanonisierten deutsch-romantischen Façon. Gernot Plass holt Shakespeare unter dem “Hamlet Sein – Sie bringen sich bloß um” ins Heute. Wo der Thronräuber Claudius sich aufplustert wie ein Ölmilliardär und als Mörder ertappt nach einem Pressesprecher ruft wie “Richard III.” nach seinem Pferd. Polonius verbiegt sich wie Hans Moser als Hausknecht, Hamlet schießt Polonius mit einem Revolver tot.

Doch um das Textkonzept kann jede Großbühne das Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) beneiden. Sein zeitgemäßer “Hamlet” schöpft die Antworten in seinem Selbstverhör (“Wie kommen wir zu so etwas wie Welt?”) aus der Philosophie, Abteilung jüngste Phänomenologie. Die hat die Beurteilungskriterien für den Menschen über Bord geworfen. Ihr neues Leitwort heißt Existenz. Die Kopflast des Denkansatzes tariert Plass mit keckem Wortwitz gemäß der schlampigen Gewohnheit des elisabethanischen Volkstheaters aus. Hinter flapsigen Sagern lauern Tiefsinn und Polemik.

7 anstatt 23
Als Regisseur bietet Plass komische Situationen sonder Zahl in irrem Tempo auf der mit seinen niederen Lacktischen einem japanischen Teehaus ähnelnden Bühne (Alexandra Burgstaller). Den Intriganten Rosenkranz und Güldenstern ist mehr Spielraum aufgetan als im Original. Julian Loidl und Jens Claßen nutzen ihn famos. 23 Rollen für sieben Darsteller! Darunter Horst Heiss als König Claudius, Michaela Kaspar als Königin Gertraud, Maya Henselek als Ophelia. Gottfried Neuner ist Hamlet. Mit klarer Stimme bahnt er sich den Weg aus dem Tohuwabohu, das sich Welt nennt, zu sich selbst, zur gefühlten und mitfühlbar gemachten Existenz.

Hans Haider, Wiener Zeitung