Worte, Worte, Worte – von Hamlet im Remix

Uraufführung. Dem Theater an der Gumpendorfer Straße gelingt eine herrliche Shakespeare-Variation. „Hamlet Sein“ von Gernot Plass ist kurzweilig und intelligent. Das kleine Ensemble bietet eine reife Leistung.

William Shakespeares Rachetragödie „Hamlet“ ist eine Herausforderung selbst für große Häuser. Umso erfreulicher, dass die recht kleine Wiener Bühne des TAG, die sich der Aufgabe mit einer modernen Variante stellt, diese mit viel Tempo und Bravour gemeistert hat. Die Uraufführung von „Hamlet Sein. Sehr frei nach W. Shakespeare“ ist Gernot Plass am Mittwoch an der Gumpendorfer Straße wirklich gelungen.

In seiner Adaption setzt sich der Regisseur und Autor intelligent und einfühlsam mit dem Originaltext auseinander, sein zeitgemäßer Text hat Rhythmus und Schwung, unterstützt von minimaler Musik. Die sieben Schauspieler, die 23 Rollen verkörpern, tollen drei Stunden lang über die Bühne, mit einer Begeisterung, als ob sie eben erst im Jahre 1600 den neuesten Renaissance-Hit südlich der Themse produziert hätten. Alles konzentriert sich auf Worte, Worte, Worte. Keine Ablenkung. Die Bühne (Alexandra Burgstaller) beschränkt sich auf simpelste Möblierung. Der Geist von Vater Hamlet erscheint? Nebel, dumpfes Grollen, eine vermummte Gestalt und die Wache, die aus Entsetzen Slapstick macht – das reicht.

Gottfried Neuner ist ein nachdenklicher, komischer, kampflustiger Titelheld. Er weiß in der Charakterzeichnung zu differenzieren. Hamlet beherrscht die Sprache der Gosse so gut wie den philosophischen Exkurs. „Sein oder Nichtsein“ wird bei ihm zur Verballhornung der Ontologie des Philosophen Martin Heidegger. Ein Scheusal ist der Prinz, wenn er die reizende Ophelia verbal missbraucht (Maya Henselek spielt auch seinen Busenfreund Horatio tapfer), ein kluger Puppenspieler, wenn er Typen wie den Höfling Polonius (Georg Schubert) oder die debilen Erfüllungsgehilfen Rosenkranz und Güldenstern austrickst. Da entsteht so wie bei der Totengräberszene die zum Ausgleich für ausufernde Grausamkeit nötige Komik. Jens Claßen und Julian Loidl verleihen den vielen Nebenrollen Pfiff. Das Spiel im Spiel mit den Schauspielern, die dem Herrscher eine Falle stellen, ist ebenfalls recht stimmig.

Am Rande des Nervenzusammenbruchs
Hervorragend besetzt sind die wichtigsten Gegenspieler Hamlets. Horst Heiss ist mit seiner sonoren Stimme ein glaubwürdiger Usurpator. Sein König Claudius passte auch zu heutigem Machtspiel. Ihm zur Seite steht Michaela Kaspar als eine nicht minder gefährliche Königin Gertraud. Hamlets Mutter schrammt immer haarscharf am Rande des Nervenzusammenbruchs vorbei. (Den hat Ophelia zuvor zelebriert.) Das Herrscherpaar weiß wohl fast so rasch wie Hamlet, dass diese Geschichte böse enden wird.

Am Schluss wird gefochten und vergiftet, in strenger Choreografie, bis fast alle tot sind. Ein romantischer Popsong im schlecht gestimmten Chor, ein finaler Gag zum Schweigen: „Vergiss den Rest“ – schon sind die Stunden im faulenden Staate Dänemark verflogen. Verdient starker Applaus.

Norbert Mayer, Die Presse