Auf immer und ewig “Hamlet Sein”: Plass’ dänische Methode im TAG

Uraufführung der fulminanten Neuschreibung des Shakespeare-Klassikers begeisterte mit Sprachwitz, Tempo und großartiger Ensembleleistung

Wie muss es nur sein, Jahr für Jahr als melancholischer Dänenprinz Rachegelüsten nachzugeben und sich über Tod, Liebe, Vergänglichkeit oder Sein das Hirn zu zermartern? Beinahe könnte man den Hamlet in Gernot Plass’ freier Neuschreibung des Shakespeare-Klassikers bemitleiden, wie er aus der Szenerie herausbricht und seine Monologe zur Selbstreflexion der anderen Art nutzt. Allerdings gibt es dazu gar keinen Anlass: Denn „Hamlet Sein“, das am gestrigen Mittwoch im Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße Uraufführung feierte, ist ein temporeicher, von Wortwitz nur so strotzender Theatergenuss geworden, der restlos begeistert.

„Alles ist bereits dort geschrieben, im Text“: Im aufziehenden Nebel, der den Wachen den Geist von Hamlets verstorbenem Vater eröffnen soll, werden Regieanweisungen in den Raum geworfen. Weniger für die Darsteller als für das Publikum: Es ist alles da, nur muss man es entdecken, decodieren, damit spielen und brechen. Plass und seinem Ensemble gelang dies auf ebenso humoristische wie tiefgründige Weise, vor allem aber mit einem Tempo, das die gut zweieinhalb Stunden zur Achterbahnfahrt werden ließen.

Am Kern der Sache wird dabei nichts verändert, der Text des großen William, seit über 400 Jahren auf den Bühnen dieser Welt, wird allerdings einer Generalüberholung unterzogen, die daraus teils comichaften Spaß, teils akrobatische Wortverdrehungen macht und eine fast exzessive Lust an der Doppelbödigkeit offenbart. Um dem Raum zu geben, zeigt sich die Bühne (Alexandra Burgstaller) wiederum funktional-zurückhaltend und wird zur Arena des amüsanten Kampfes zwischen Hamlet und dem Rest der Welt.

Und so stolpert man in eine mit Mafia-Zitaten versehene Optik, sieht sich Erörterungen über „Legoland“ ausgesetzt oder begegnet dem „nicht brauchbaren Überschuss des Schulsystems“ – es gibt kaum etwas, was Plass an Seitenhieben auf das Hier und Heute auslässt. Gottfried Neuner führt als Dänenprinz das siebenköpfige Ensemble mit einer physisch spürbaren Verzweiflung an, überzeugt als vor Wut Schäumender ebenso wie in Nuancen dem Wahnsinn ergeben, aber stets dem Wunsch nach Rache seines Vaters gehorsam, auch wenn dessen Geist schon mal ungeduldig wird: „Was ist dein Problem? Mach den Sack zu!“

Dass das passiert, steht außer Frage – aber das Wie ist erfrischend neu. Rosenkranz und Güldenstern mutieren dabei zum liebenswert-tollpatschigen Slapstick-Duo, Mutter Gertrud zur naiven Blondine mit Familiensinn und der unrechtmäßige König „Clausi“ hat einfach nur Hunger, wenn er sich freut – am Ende vergeht ihm allerdings der Appetit. Vielleicht liegt das aber auch an der „dänischen Methode“, wie das „angestellte Mobiliar“ Polonius an einer Stelle anmerkt.

Die Methode von Plass, mit übergroßen Vorlagen umzugehen, hat er bereits an seinen Adaptierungen von „Der Prozess“ oder „Richard II.“ illustriert. Nun legt er mit einem großartigen Team erneut einen vergnüglichen Abend zwischen Farce und Ernsthaftigkeit vor, der ein von herrschenden Bildern zugeschüttetes Stück Theatergeschichte entstaubt und mit dem Spielraum der Frechheit entrümpelt. Zurecht großer Applaus.

Von Christoph Griessner/APA