DORIAN GRAY

Von Mara Mattuschka


"Es ist nicht klug, der Welt das eigene Herz zu zeigen – und wie ernsthaftes Verhalten die Tarnung des Trottels ist, ist Narrheit … das Gewand des weisen Mannes. In solch einem geschmacklosen Zeitalter wie diesem brauchen wir alle Masken."
Oscar Wilde

Von der Wichtigkeit, ernst zu bleiben bei einer Annäherung an das dunkel-romantische Genre des "Gothic Horror", muss an dieser Stelle wohl nicht mehr geredet werden. Der kundige, eingeweihte Leser wird sich der symbolischen Ebene, welche die Hervorbringungen jener Literatur- und Dramengattung durchzieht, durchwegs im Klaren sein und schöpft gerade deshalb aus diesem trüben Becken reife Erkenntnisse. Hier ist nichts tatsächlicher Begriff – alles Symbol und Archetyp: Jeder Untote, jeder Zombie Zeichen der konsumistischen Vermassung des Menschen. Jeder Vampir aristokratischer Blutsauger und Investor, jede Bestie tiefsitzender Seelenanteil, Zähne, Messer, Kettensägen Sinnbild für die Technik oder wie es so schön im dunklen Philosophendeutsch heißt: für das "Gestell", für die prothetische Verlängerung, um das "Man" in der Gesellschaft herzustellen und das Dasein seiner "Eigentlichkeit" zu berauben.

So weit, so einfach.

Oscar Wilde gewann wieder einmal eine Wette. Ja, er konnte Romane schreiben, in kürzester Zeit. In wenigen Tagen. Wie langweilig auch! Am Heimweg von einer Porträtsitzung kam ihm der entscheidende, wenn auch wenig originelle Gedanke, die Leinwand als Sinnbild für die Seele zu fassen und das darauf sich "Bildende" als einen Speicherort moralischer Verfehlungen zu beschreiben. Eine faustische Figur inklusive mephistophelischen Beistands. Ein junger, sexuell äußerst attraktiver Mann besitzt ein Selbstbildnis, das alles Verworfene, Hässliche und Degenerierte seiner Existenz praktischerweise für ihn übernimmt und zu guter Letzt auch noch für ihn altert. Er selbst bleibt scheinbar ewig jung, schön und oberflächlich.

Ein hervorragendes Vehikel, die brennenden Themen von Moralität, Sinnlichkeit und Homosexualität im Viktorianismus mit der ihnen damals anhaftenden "Schauerlichkeit" zu bearbeiten. Ein wildescher Geniestreich. Der Name seiner Titelfigur war schnell gefunden: Sein damaliger Liebhaber John Gray, dem er wegen seiner an griechische Statuen gemahnenden Schönheit das Kosewort "dorian" zuwies. "Dorian" aber verließ Wilde und aus Liebe wurde Leid, aus sexuellem Spiel leise, sublime literarische Rache. Aus Ernst wurde Horror, aus John Gray wurde Dorian – "Dorian Gray". Aus dessen realer Grausamkeit wurde ein Zauberspiegel, ein fiktives Bild.

Mara Mattuschka ist eine Seelenbilder-Malerin und Tiefenschauerin. Sie ist immer auf der Suche nach dem Bild im Bild. Ihre Forschungsreisen in die Bilderwelt unternimmt sie in den scheinbar unterschiedlichsten Sparten. Der Malerei, dem Experimentalfilm, der Performance, dem Schaubild und -spiel, in der inneren Bilderwelt des Drehbuchs, im Bühnenbild und in der großen Kunst der Bühnenmalerei mit Zuhilfenahme kongenialer Menschen: der Theaterregie.

Wenn Mattuschka malt, sieht sie in der Leinwand eine Bühne, in die sie Gegenständliches imaginiert, wenn sie filmt, deutet sie sich diesen Vorgang mit flüchtigen Lichtmetaphern, der Projektor und der Pinsel gerinnen ihr dann zu einer Einheit. Und selbst das Schreiben ist ihr ein innerer bildnerischer Vorgang, während dessen sie Dinge zueinander setzt und auf Innenweltbühnen auftreten lässt.

Ihre Bilder sind immer, so die Künstlerin, auch performativ, ihre Performative, ihre Drehbücher und Texte immer auch in der Zeit sich ausbreitende Bilder. So ist ihr auch die Geburt des Theater aus dem Geiste des Lichts und des Bildes kein fremder Gedanke. Ihre Wahl des Dorian Gray Stoffes leuchtet also ein. Für den synästhetisch funktionierenden Mattuschka-Blick ist dieser Abend eine logische Folge und Fortsetzung ihrer Malerei mit anderen Mitteln.

Oscar Wilde – das Bildnis eines künstlerischen und nur künstlerisch leben wollenden Menschen, der einen hohen Preis dafür bezahlte, dies konsequent im Lichte eine bigotten Öffentlichkeit zu tun. Dieses Genie des Ästhetizismus projizierte ein Bildnis eines Bildnisses auf Romanbuchseiten, dessen Widerschein und Streulicht den Stücktext Mattuschkas erleuchten lassen, auf denen eben jenes Bildnis wieder Realität behauptet. Sie merken, wir befinden uns in einem Kaleidoskop. Doch bleiben wir ernst. Falten wir die Stirn über die an anderer Stelle schon ausgiebiger und gelehrter formulierte Kritik an der Katastrophe eines hypertrophen Kunstmarktes, der seine heiß gelaufene postmoderne, neoliberale Selbstbezüglichkeit nur im "Ausgestelltsein" begreift. Kunst kommt heutzutage längst nicht mehr von Könnerschaft, sondern ist das, was es als "interessant" vermittelt in die großen Messen und globalen Galerien schafft. Es braucht wie niemals zuvor den Hype, um als Kapitalanlage in einem gut verschlossenen Safe in Dubai zu landen. Das aufgeregte Geheimnis, das Versprechen des Profits.

Nun denn: Wilde hatte ein erotisches Verhältnis zu John Gray, dessen Porträt ihm einen Einfall bescherte. Jener John Gray, ebenfalls Schöngeist, später sogar katholischer Priester, lebte bis zu seinem Tode mit dem französischen Dichter Marc-André Raffalovich zusammen. Dieser wiederum hatte eine späte Großnichte, die es durch die Wirren der Nachkriegszeit justament nach Wien verschlug. Das Porträt von Gray jedoch machte diese Reise mit und existiert. Für den Raubtier-Kunstmarkt das schiere Fressen. Und hier schließt sich der Kreis zu Mattuschkas operettenhaftem Bildertheater. Mit ihrem scharfsinnigen Humor projiziert sie verschmitzt die Kehrseiten und Vorurteile, das Verhalten und unbequeme Wahrheiten der Gesellschaft zu einen Theater-Bildnis des Ernstes. Und das sollte wichtig sein.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter