“Spannende Wildgans-Inszenierung” Kurier

Wiener Zeitung

Armut als Showelement?

Zwei Charityveranstalter (darstellerisch hervorragend: Barbara Horvath und Wilhelm Iben) wollen ihren Gästen etwas ganz Besonderes bieten und präsentieren eine Familie, die in ärmlichen Verhältnissen lebt. Man ermuntert die Mutter zu tanzen, die Tochter zu weinen, man benützt die Notlage der Menschen als Unterhaltungsmittel, als Showelement. Nur zum Wohle der Missbrauchten, versteht sich. Das “theater wozek” erstellte in Zusammenarbeit mit dem TAG (in dessen Theater die Aufführungen stattfinden) “arm:mut”, frei nach der Tragödie “Armut” von Anton Wildgans. Der Handlungsverlauf wird nahezu eingehalten, nur fallweise geschickt adaptiert, wie etwa Gottfrieds (begabt: Charly Vozenilek) berühmter Monolog “Zwei Züge fahren von A nach B”. Die Verlegung in die Jetztzeit gelingt nahtlos und macht das Wesentliche deutlich: Dass die Gesellschaft oftmals jene, die Hilfe brauchen würden, im Stich lässt und sie auch nicht respektiert.

Artikel vom 14.12.2008 | KURIER | Heinz Wagner

Macht Armut reich?
Spannende Wildgans-Inszenierung von theater.wozek und TAG

Gespannte Atmosphäre liegt über dem Raum. Zumindest in der Begegnung der Kinder mit der Mutter. Da scheint die Luft zum Schneiden dick zu sein. Zwischen Marie und Gottfried (Felicitas Lukas und Charly Vozenilek), den beiden jugendlichen Kindern der Familie Spuller hingegen herrscht Zuneigung. Mehr sogar als zwischen Schwester und Bruder zulässig. Die Mutter Mathilde (Marion Rottenhofer) – frustriert, abgelehnt von allen, eifersüchtig auf den Vater Josef (Robert Kahr), den die Kinder mehr zu mögen scheinen. Eine durchaus nicht ungewöhnliche Familie, die Anton Wildgans da vor nicht ganz 100 Jahren beschrieben hat.

Vorausgespürt Schon lange habe ihn dieser Stoff, ja dieser Dichter beschäftigt, meint Karl Wozek, Regisseur des jüngsten Stücks dieses freien Theaters, das er gemeinsam mit dem TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße) realisierte. Die Entscheidung, „arm:mut“ in Angriff nehmen, fiel dann letztlich vor vielen Monaten, also geraume Zeit vor der im September akut aufgebrochenen großen Finanz- und Wirtschaftskrise. Wie Erwin Wagenhofer mit seinem Kinofilm „Let’s make money“ war offenbar auch hier das massiver werdende Thema Armut wie es eine durchschnittliche, normale Familie erreicht, sensibel vorausgespürt worden. Übrigens: Anton Wildgans habe einmal in sein Notizbuch eingetragen “Ich lege immer mein ganzes Gewicht in die Schale der Schwächeren”, zitiert Heinz Gerstinger in einem Beitrag über diesen Dramatiker ein Bekanntnis des zunächst jungen Rechtspraktikanten knapp nach der Wende des vorvorigen zum vorigen Jahrhundert.

Zerstörerisch Natürlich gibt es auch in wohlhabenderen Familien desaströse emotionale Beziehungen. Hier aber bei den Spullers da läuft nicht zuletzt alles auf den totalen Kollaps zu, weil’s hinten und vorne am Geld fehlt. Und sich der Vater zu Tode schuftet. Vielleicht auch, um der kalten, lieblosen Ehe zu entfliehen? Und weil schon nicht einmal mehr geheizt werden kann, die Internetverbindung abgemeldet werden muss, die Kohle auch für die Miete nicht reicht, erst recht nicht für die vielleicht doch noch lebensrettende medizinische Behandlung des Vaters und so weiter, entschließt sich Marie zum Verkauf ihres Körpers., Bruder Gottfried spielt – nicht zuletzt dank des „Gedankenanstoßes“ der Mutter – sich das Leben zu nehmen…

Gänsekopf theater.wozek und TAG „übersetzten“ Texte von Wildgans ins hier und heute und in ebenda verständliche Sprache. Als Reverenz an den Autor werden jedoch auch Originalpassagen zitiert. Und ein Gänsekopf aus Pappmaschee spielt auch eine mehrfache und -deutige Rolle. Dazwischen schieben Barbara Horvath und der geniale in vielen Rollen agierende Wilhelm Iben als ModeratorInnenduo einer Reality-Show wie es sie vielleicht in dieser oder ähnlicher Form sogar echt in der TV-Welt gibt, eine weitere Ebene ein, in dem sie das Schicksal der Spullers auf den Fernsehmonitor heben und sie anfeuern, noch mehr auf die Tränendrüse zu drücken, um einen imaginären Spendenpegel zu heben. Motto der Show: „Armut macht reich!“ Besonders spannend und ausgefallen ist die Schluss-Sequenz, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler beginnen, sich aus ihren Rollen in ihre eigene Existenz zu verabschieden. Mehr sei darüber allerdings nicht verraten. Nur noch, dass hier natürlich das schon zuvor auf einer weiteren Ebene des rund 100-minütigen Stücks (mit einer Pause) verhandelte Thema, was ist wirklich oder vielleicht auch wie wirklich ist die Wirklichkeit, gipfelt.