von favouriteplays,
nach dem nie verfilmten Drehbuch “Die Reise des G. Mastorna” von Federico Fellini

Traum vom 30.09.1963: „Der fabelhafte Zug mit sieben Stockwerken. Ich sitze im Theater. Im selben Augenblick, als ich bemerke, dass ich an den Sessel festgebunden bin, spüre ich, wie ich nach hinten weggesaugt und in die Höhe gerissen werde. Das Parkett ist wie ein riesiger Trichter, ganz unten in der Tiefe befindet sich die Bühne, auf der die Aufführung stattfinden wird.“
aus Fellinis Traumtagebuch



„Produzent Dino De Laurentiis ist außer sich. Cinecittà war bereits ganz auf die Produktion des Films eingestellt, ein riesiger Kölner Dom als Kulisse schon errichtet. Er fordert von Fellini Rückzahlung der schon investierten eine Milliarde Lire – heute etwa eine halbe Million Euro – und lässt in Fellinis Villa wertvolle Bilder und Gegenstände beschlagnahmen. 70 Leute werden arbeitslos. Der Maestro verbarrikadiert sich. Dann eine Versöhnung. Der Mastorna-Film soll doch gedreht werden. Aber das Leben wird zum Albtraum. Fellini verliert plötzlich das Bewusstsein, stürzt, kommt mit Blaulicht ins Krankenhaus. Eine mysteriöse Nervenkrankheit wird diagnostiziert.” Feature im Deutschlandradio Kultur

„Mir ist, als hätte ich sie schon irgendwo getroffen.“

Mastorna

Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd´ ich wo in einer Wüste eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben Gottes Himmel, dort wie hier,
und als Totenlampen schweben nachts die Sterne über mir.
Heinrich Heine

„Entschuldigen Sie – ist das normal?“

Eine Flugzeugpassagierin

„Immer denke ich an den Film, den ich machen muss. („Die Reise des G.Mastorna“). Vielleicht braucht er eine neue Inkubationszeit. Eines Tages saß ich im Büro an der Vasca Navale auf einem alten Sofa und ruhte mich aus. Plötzlich, blitzartig, stürzte, ein Millimeter vor meiner Nase, eine Tonne Steine nieder: die Fassade des Mailänder oder des Kölner Doms. Ich machte einen Akrobatensprung. Eine Wand, so hoch wie der Mont Blanc, bedeckte alles: den ganzen Himmel, den ganzen Raum, die ganze Luft! Ich war eine Ameise. Da hab ich gedacht, dass die Schwierigkeit, mit dem Film vorwärts zu kommen, aus einer Hemmung kommt, die tief in mir verborgen ist. Ich war ein wenig erschrocken, aber die Lust, den Film zu machen, nahm zu, die Lust eines Don Quijote. In jenen Tagen war ich überzeugt, ich könne an einem Herzinfarkt sterben, weil ich fürchtete, das Unternehmen übersteige meine Kräfte. Wie der Zauberlehrling, der die Sphinx, den Abgrund des Meeres herausfordert und untergeht. Ich dachte: mein Film wird mich töten.“ Fellini – Aufsätze und Notizen

„Mit all meiner Kraft, mit all meiner Leidenschaft, mit all meiner Intelligenz, von ganzem Herzen rufe ich: Es kann nicht sein, dass dies der Tod ist! Wir können, wir dürfen ihn nicht annehmen!“

Mastorna

„Am Abend des 10. April 1967, eines Montags, ist Federico in melancholischer Stimmung; er fühlt sich nicht wohl und in der darauffolgenden Woche muss er mit Alfredo de Laurentis wegen der endgültigen Motivsuche nach Bologna, Neapel und Stuttgart fahren. Giulietta ist zu ihrer Schwester gegangen, während sich Federico mit Halsweh ins Bett gelegt hat.
Gegen 22 Uhr verspürt der Regisseur einen bestialischen Schmerz im Rücken und Brust. In dem Versuch, den Pförtner zu rufen, streckt er die Hand aus, um zum Telefon zu greifen, doch er rollt zu Boden. Sein letzter Gedanke ist, aufzustehen und einen Zettel zu schreiben, den er an die Tür heften will: „Giulietta, komm nicht allein herein!“ Lange bleibt er ohne Bewusstsein auf dem weichen Teppich liegen und zieht sich eine Stauballergie zu, die ihm ein Gefühl des Erstickens verursacht. In den Augenblicken, in denen er das Bewusstsein wiedererlangt, fühlt er sich verloren, wie auf dem Meeresgrund.“
aus dem Nachwort von „Die Reise des G. Mastorna“

„Uns kann keiner mehr reinlegen! Uns macht keiner mehr Angst!“

Armandino

„Einen Meter über dem Hut, den ich auf dem Kopf habe ist einfach nichts, nur Zugluft, und wer sich auf die Zehenspitzen stellen will, um zu suchen, ob’s nicht doch was gibt, der wird sich nur einen schönen Schnupfen holen“. De Cercis

Der Weg zu den Traumwelten – von Regine Igel

Eher zufällig sollen sie sich begegnet sein: Der große italienische Filmregisseur Federico Fellini hatte jahrelangen Austausch mit dem Psychoanalytiker Ernst Bernhard.

Federico Fellini hatte die Gewohnheit, allerlei Zettel mit Notizen in seiner Jackentasche aufzubewahren. Eines Tages, im Spätsommer 1960, zieht der Regisseur zufällig einen davon heraus, auf dem nur eine Telefonnummer steht. Die könnte von einer Frau sein. Er wählt sie an. Doch es antwortet Ernst Bernhard.
Der Mann, der ihm kurze Zeit später die Tür in der Via Gregoriana No.12, gleich neben der Piazza Spagna mitten in Rom öffnet, scheint ihm ein orientalischer Geistlicher zu sein, ruhig, warmherzig, strahlend. Der schon weltberühmte Filmkünstler fühlt sich da sofort heimisch. “Er hörte meinen unzusammenhängenden Bekenntnissen, Träumen und Lügen zu. Mit einem freundlichen Lächeln, voll liebevoller Ironie. Er wurde zu dem wichtigsten Menschen in meinem Leben”, erzählt Fellini Jahre später.

Nach dem Tod Bernhards schlägt Fellini sich zwei Jahre lang mit Albträumen herum, steckt fest in einer Schaffenskrise. Das geplante Filmprojekt “Mastorna” wird nie realisiert. Später dann singt der Regisseur ein Hohelied auf die Psychoanalyse. Schulfach solle sie werden: “Denn welches andere Abenteuer könnte so faszinierend sein wie die Reise in unsere inneren Dimensionen, die Erforschung des unbekannten Teils an uns?”
aus einem Artikel der „Frankfurter Rundschau“


„Ist es so schön zu leben? Erzähl mir davon, erzähl mir von euren Häusern, von euren Städten, von eurer Sonne… von eurem Frühling, sag mir, wie ihr weint, sag mir, wie eure Liebe ist…“
Hostess

„Und offen widmete ich mein Herz der kummervollen, leidenden Erde. Und ich versprach, sie treu und ohne Furcht zu lieben, bis zum Tod, mit ihrer schweren Last der Schicksalhaftigkeit, und keines ihrer Rätsel geringzuschätzen. So fesselte ich mich an sie mit einem vergänglichen Band.“

Hostess

„Ich träume und werde bald aufwachen.“

Mastorna

Traum vom 09.09.1978:
Das bereits bekannte Phänomen eines vibrierenden Bettes, von dem aus ich mich in die Vertikale begebe, um mich dann in den nächtlichen Himmel zu erheben. Ich fliege und bin mir völlig darüber bewusst, dass ich gerade einmal wieder diese geheimnisvolle Erfahrung erlebe. Ich erhebe mich im Dunkel des Himmels zu großen Höhen. Ich bitte darum, ihn sehen zu dürfen, Mastorna, die nicht zu greifende Person und das Gesicht, das mich seit nunmehr 20 Jahren quält, verfolgt und wieder fallen lässt. Plötzlich erscheint eine große, von einem dunklen Rand eingerahmte Fotografie. Sie zeigt einen Mann mit Hut auf dem Kopf und einem Koffer in der Hand, der einen schwarzen Schnurrbart und schwarze, samtige Augen hat. Das ist Mastorna! Die Umgebung, in der die sepiafarbene Photografie aufgenommen wurde, ist, wie mir scheint, die weitläufige Vorhalle eines Bahnhofs.
aus Fellinis Traumtagebuch

„Was wissen wir schon?“

Armandino

„Welche Art von Autorität vertreten sie eigentlich, wenn sie keine Pässe anerkennen?“
Mastorna

„Was sollen wir mit diesem Transzendenten anfangen? Wir haben genug damit zu tun, aufzupassen, wo wir den Fuß hinsetzen, um nicht zu stolpern.“
Expriester

„Eines meiner Projekte wurde berühmt als der Film, der nie gedreht wurde: Die Reise des G. Mastorna. Ich glaube, es wäre mein bester Film geworden.“

Fellini