TAG-Magazin Oktober 2010

>> Ö1 Talentbörse: Katja Lehmann

Audio-Mitschnitte “Die andere Seite”:

Die andere Seite - Track 1

Die andere Seite - Track 2


„Der Traum ist im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglicht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt, und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner Besonderheit. (...) Daß der Traum sich mit den Lösungsversuchen der unserem Seelenleben vorliegenden Aufgaben beschäftigt, ist nicht merkwürdiger, als daß unser bewußtes Wachleben sich so beschäftigt, und fügt nur hinzu, daß diese Arbeit auch im Vorbewußten vor sich gehen kann…“ (S. Freud, Die Traumdeutung, 1900)

„Sie sind doch mit der modernen Kultur unzufrieden, nicht wahr? Im Traumstaat haben Sie vor Zukunftsorgen und dem Ärger der Gegenwart ein für allemal Ihre Ruhe. Alles ist auf ein möglichst durchgeistigtes, rückwärtsgewandtes Leben angelegt. Wir hegen tiefen Widerwillen gegen alles Fortschrittliche.“ (Zitat aus „Die andere Seite“)

Alfred Leopold Isidor Kubin (* 10. April 1877 in Leitmeritz (Litoměřice), Böhmen; † 20. August 1959 in Wernstein am Inn) war ein österreichischer Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator.

„Freigeist ein relativer Begriff. — Man nennt Den einen Freigeist, welcher anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft, Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden Zeitansichten erwartet. Er ist die Ausnahme, die gebundenen Geister sind die Regel; diese werfen ihm vor, dass seine freien Grundsätze ihren Ursprung entweder in der Sucht, aufzufallen, haben oder gar auf freie Handlungen, das heißt auf solche, welche mit der gebundenen Moral unvereinbar sind, schließen lassen. Bisweilen sagt man auch, diese oder jene freien Grundsätze seien aus Verschrobenheit und Überspanntheit des Kopfes herzuleiten; doch spricht so nur die Bosheit, welche selber an Das nicht glaubt, was sie sagt, aber damit schaden will: denn das Zeugnis für die größere Güte und Schärfe seines Intellektes ist dem Freigeist gewöhnlich ins Gesicht geschrieben, so lesbar, dass es die gebundenen Geister gut genug verstehen. ...Übrigens gehört es nicht zum Wesen des Freigeistes, dass er richtigere Ansichten hat, sondern vielmehr, dass er sich von dem Herkömmlichen gelöst hat, sei es mit Glück oder mit einem Misserfolg.“ (F. Nietzsche)

„Der Träumer glaubt an nichts als seinen Traum. An seinen Traum.“ (Zitat aus „Die andere Seite“)

„Alfred Kubin gehört eindeutig zu jenen hochbegabten und hypersensiblen, heimgesuchten und hellsichtigen, zwiespältigen und tragischen Charakteren, an denen das Österreich der Jahrhundertwende so überreich war, von denen viele gegen sich selbst antraten und den Prozeß der eigenen Zersörung betrieben… ein Träumer auf Lebenszeit.“ (Hoberg, Annegret, Alfred Kubin, München – New York 2008)

“Jeder findet, was ihm zukommt, seine Geburt, sein Glück, sein Unglück und sein Ende. Je eigenartiger, phantasievoller ein Mensch ist, desto ausgeprägter wird sich alles für ihn abspielen. Schicksal ist alles. Daher bin ich Fatalist.” (Alfred Kubin)

Wie müsste ein Traumstaat für Künstler, Lebenskünstler und Freaks beschaffen sein?
Willkommen in der FKK „Perle“:
Produktionsbudgets und – bedingungen, die die Arbeit nicht einschränken – Prozess- und Ergebnisorientierung,
interdisziplinärer Diskurs, Austausch mit Experten und Fachkollegen
Ideale Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, Recherchemöglichkeiten, Bibliotheken…
Ideale Ausgeglichenheit von Arbeit und Müßiggang
der Wert des Einzelnen ist eine gegebene Größe, die nicht abhängt von kommerziellem Erfolg oder Nichterfolg, der Mensch IST Künstler, so lange er selbst diese Annahme nicht in Zweifel zieht oder sein Selbstbild revidieren, sich anders, neu erfinden will
(aus den dramaturgischen Notizen von Katja Lehmann)

„Empirische Studien zeigten, daß sich die Trauminhalte trotz eines erheblichen kulturellen Wandels in den letzten Jahrzehnten kaum verändert haben. Auch die Unterschiede zwischen den Kulturen sind eher gering; so träumen die Menschen in kleinen, traditionellen Gesellschaften häufiger von Tieren als in Industriestaaten und die Häufigkeit der physischen Gewalt variiert zwischen verschiedenen Gesellschaften. Die Träume aller Menschen sind eher durch Gewalt als durch Freundlichkeit gekennzeichnet, Menschen träumen öfter vom Unglück als vom Glück, die negativen Gefühle überwiegen die positiven.(W. Stangl, Schlaf und Traum)

1908/09 hat Kubin eine Schaffenskrise. Er unternimmt zusammen mit Herzmanovsky eine Reise nach Oberitalien. Nach seiner Rückkehr schreibt er in einem plötzlichen Schaffensrausch seinen Roman „Die andere Seite“ nieder:„… Um nur etwas zu tun und mich zu entlasten, fing ich nun an, selbst eine abenteuerliche Geschichte auszudenken und niederzuschreiben. Und nun strömten mir die Ideen in Überfülle zu, peitschten mich Tag und Nacht zur Arbeit, so dass bereits in zwölf Wochen mein phantastischer Roman „Die andere Seite“ geschrieben war. In den nächsten vier Wochen versah ich ihn mit Illustrationen.“

Kubins Roman „Die andere Seite“ übte entscheidenden Einfluss auf Schriftsteller wie Franz Kafka ,Gustav Meyrink und Ernst Jünger aus.

„Ich will aufgehört haben“, schreibt Kubin in einem Brief an die Schwester 1904. Zugleich kennt er „die Kraft und Zähigkeit des Blutes, das leben will um jeden Preis, tierisch am bloßen Dasein hängt trotz der Qual, welche damit verbunden ist“. In diesem Spannungsfeld muss sich das Leben Alfred Kubins zur Entstehungszeit des Romans abgespielt haben.

„Auf dem Grunde der Dinge ist alles Phantasie. Der Künstler ist nur eine Ausstrahlung unter unzähligen der göttlichen Einbildungskraft; je phantasievoller sein Werk ist, umso gewaltiger die Stelle, die sein Name in der Welt einnimmt.“ (Alfred Kubin)

„Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. In diesem in allen Farben der Verwesung schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren Männer stießen die schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie, von den Ausdünstungen betäubt, untergingen. Der große Platz glich einer gigantischen Kloake, in welcher man mit letzter Kraft einander würgte und biß und schließlich verendete. Aus Fensterlöchern hingen die starren Leiber entseelter Zuschauer, deren gebrochene Blicke dieses Königreich des Todes spiegelten. (Zitat aus „Die andere Seite“)

„Das ist ja ein Witz! Wir sind nur zu dumm, um ihn zu begreifen.“ (Zitat aus „Die andere Seite“)