Was heißt privat?
Die Privatsphäre schützen: Dieses Brett ist so dick, dass wir nicht einmal wissen, wie dick es wirklich ist. Fest steht, dass es für eine Demokratie und den Schutz von Minderheiten von großer Bedeutung ist. Ansonsten droht die Tyrannei der Mehrheit im globalen Dorf, auch wenn das viele der heterosexuellen, weißen, männlichen Blogger nicht verstehen. Die wirklich schwierige Frage lautet aber: Was heißt heute, im Zeitalter von Google und Facebook, privat?
Da sind zum einen die persönlichen Informationen, die NutzerInnen aktiv und wissentlich mit ihren Freunden teilen. Sind die nun schon öffentlich, besonders wenn es sich um hunderte Facebook-Freunde handelt? Auf solche Fragen kann die Politik heute kaum antworten, denn die Situation ist sehr dynamisch und gibt noch kaum verlässliche kollektive Erfahrungen. Hier muss sie wohl zuerst den gesellschaftlichen Lernprozess abwarten, so unbefriedigend das sein mag.
Drängender ist aber die Frage der Privatsphäre im Bezug auf die Plattformanbieter. Auf deren Servern häufen sich ungeahnte Datenmengen an, die indirekt, durch die Aktivitäten der NutzerInnen, entstehen.
Der Standard, 13.08.2011

Erotischer Foto-Flirt auf Twitter ruiniert Politik-Karriere
Der Name des Bildes lautet “package.jpg”. Es zeigt eine graue Unterhose mit Eingriff – und noch etwas mehr. Es sollte wohl sexy sein, aber es war letztlich nur verheerend. Der demokratische Kongressabgeordnete Anthony D. Weiner, 46 Jahre alt, wollte das Foto am 27. Mai um 23:35 Uhr via Twitter an eine Studentin in Seattle schicken, aber er drückte den falschen Knopf. Als er sein Missgeschick feststellte, war es zu spät. Zwei Wochen später, am vergangenen Montag, räumte Weiner auf einer Pressekonferenz in New York unter Tränen ein: “Ich habe schreckliche Fehler gemacht.”
Süddeutsche Zeitung, 07.06.2011

Die heutige Diskussion über den Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit im Zeitalter des Internets ist jedoch ganz anders gelagert. Sie geht davon aus, dass sich die Vorstellungen und Alltagspraxen der Menschen, was privat und was öffentlich sei, geändert hätten – was notwendigerweise aber noch empirisch zu prüfen wäre. Dabei wird weiter meist unterstellt, dass es der mediale Wandel sei, insbesondere also das Internet, das diese Veränderungen bewirkt habe. Derartige Ansichten sollten immer misstrauisch stimmen, denn sie siedeln sozialen Wandel in technischen Gegebenheiten an, was in der Regel nicht stimmt, wie alle historischen Untersuchungen zeigen: Medientechniken sind Potenziale und es kommt in einem ersten Schritt zunächst einmal darauf an, ob und wie diese Techniken sozial und kulturell von den Menschen verwendet werden. (…) Sagen kann man zunächst nur, dass das Internet im Prinzip eine Handlungsumgebung der Menschen ist, in der jede Aktivität Daten erzeugt, weil jede Aktivität im Internet als Datennetz ja gerade darin besteht, Daten zu verändern oder zu produzieren, beabsichtigt oder nicht. Was sich verändert hat, ist, dass diese so erzeugten Daten zunehmend auch gesammelt und ausgewertet werden. Anders ausgedrückt: Private Daten werden öffentlich nutzbar gemacht, und zwar von denjenigen, die sie sammeln, sortieren, analysieren und verkaufen, mit welchem Ziel auch immer.
Friedrich Krotz in merz. medien+erziehung 08/09.

Ist der Computer alles in allem eher ein Segen oder ein Fluch? Diese Frage ließ DER STANDARD in der Vorwoche 400 repräsentativ ausgewählten Österreichern stellen – und eine Zweidrittelmehrheit entschied sich für “Segen”. Allerdings gibt es bei dieser Frage einen deutlichen Gender-Gap: Männer sind von den Segnungen des Computers viel stärker überzeugt; jede vierte Frau hält den Computer für einen Fluch. Auffallend an den von Market erhobenen Daten ist auch, dass die Segnungen des Computers umso deutlicher wahrgenommen werden, je länger die Befragten selbst einen PC im Haushalt haben.
Befragte unter 30 können sich mehrheitlich gar nicht vorstellen, wie man früher ohne Handy und Internetzugang gelebt hat. Hier gibt es ein starkes Altersgefälle: 67 Prozent der Menschen über 50, aber nur 44 Prozent der unter 30-Jährigen können sich ein Leben ohne Internet vorstellen. Ein Leben ohne Handy ist nur für jeden vierten Befragten über 50 unvorstellbar.
Der Standard, 13.08.2011